Buchbesprechung: Die empathische Zivilisation von Jeremy Rifkin

Der Soziologe Jeremy Rifkin beschreibt in seinem Buch „Die empathische Zivilisation“ den Entwicklungsprozess des menschlichen Bewusstseins als eine Entwicklung hin zu immer mehr Empathie. Seine These: Die Art, wie wir mit unserer materiellen Umwelt interagieren, bestimmt die Gesellschaftsordnung und damit die Kommunikation. Und die Art wiederum, wie wir kommunizieren, bestimmt das Bewusstsein der jeweils Kommunizierenden.

Dabei unterscheidet Rifkin vier „klassische“ Entwicklungsstufen:

  • Mythologisches Bewusstsein: Jäger und Sammler geben ihr Wissen mündlich weiter, sie sind dabei direkt in die stoffliche Umgebung eingebunden. Es existiert somit kein individuelles Erleben; einzelne Menschen sind sich ihrer Einzigkartigkeit nicht bewusst, sondern sie sind eingebettet in ihre direkte Umwelt und in „große Erzählungen“ (vgl. auch Lyotards These vom Ende der großen Erzählungen in der Postmoderne). Menschen auf dieser Bewusstseinsstufe leben in einer „mystischen und mythischen Welt tiefer, unfreiwilliger Partizipation“ (134).
  • Theologisches Bewusstsein: Bewässerungskulturen, die Ackerbau und Viehzucht betreiben, erfinden die Schrift, um z.B. Getreidemengen zuzuteilen. Hier bilden sich Rifkin zufolge erstmals Vorformen individuellen menschlichen Bewusstseins heraus, denn Menschen sind nun gezwungen, sich eingehend Gedanken zu machen zu der Frage, wie sie mit den materiellen Gütern umgehen wollen: „Wer produziert den Überschuss, wer lagert ihn ein und an wen wird er in welchen Anteilen verteilt“ (136)? Generell wohnt auch dem Schreiben als solchem stets ein individualisierendes Moment inne: „Wenn man einen Satz formuliert, ist man mit seinen Gedanken allein“ (149).
  • Ideologisches Bewusstsein: Noch verstärkt wurde dieser Effekt durch die Erfindung des Buchdrucks. Dieser „ersetzte das menschliche Gedächtnis durch Inhaltsverzeichnisse, Paginierung, Fußnoten und Indizes, befreite den menschlichen Geist von der Notwendigkeit, ständig die Erinnerung an die Vergangenheit zu bewahren und ermöglichte es ihm, sich auf die Zukunft zu konzentrieren. Der Bewusstseinswandel ebnete den Weg für die Idee menschlichen Fortschritts“ (198).
  • Psychologisches Bewusstsein: Durch die Entdeckung und Nutzbarmachung der Elektrizität wandelten sich die Metaphern, die in der Kommunikation verwendet werden konnten. Während man im Bewusstseinsmodus der Bewässerungskulturen z.B. davon spricht, „ins Gleichgewicht zu kommen“ oder „die Stimmung zu heben“ (hydraulische Metaphern), kann man mit Hilfe von Elektrizitätsmetaphern psychologische Phänomene beschreiben, bei denen z.B. „ein Funke überspringt“ oder eine Situation „spannungsgeladen“ ist. Elektrische Metaphern „geben Menschen die nötige Sprache, um die Vorgänge ihrer Psyche zu erkunden“ (281).

Interessant ist, welche sprachlichen Metaphern uns im Alltag so begegnen. Wenn wir etwa davon reden, „Dampf abzulassen“, so befinden wir uns auf der Ebene des theologischen oder ideologischen Bewusstseins (Dampfmaschinen funktionieren hydraulisch). Auch wenn gewisse Politiker davon reden, Mauern zu bauen, oder eine „Flüchtlingsschwemme“ einzudämmen, wird versucht, etwas zu regulieren, was an die Bewässerungsströme im alten Mesopotamien erinnert. Und wenn ein amerikanischer Präsident gar von der „Achse des Bösen“ spricht, so kommuniziert er auf einer Bewusstseinsstufe, die wir mit unseren Vorfahren vor einigen zehntausend Jahren (sowie mit kleinen Kindern im Vorschulalter) gemein haben.

Um empathisch zu sein, macht es also Sinn, die Sprache, die uns umgibt, und die wir selbst verwenden, sowie die Metaphorik, die darin zur Anwendung kommt, kritisch zu hinterfragen. Es macht Sinn, eine möglichst hohe sprachliche Sensibilität zu entwickeln.

Die höchste Stufe menschlicher Entwicklung liegt Rifkin zufolge jedoch im

  • dramaturgischen Bewusstsein: Wir sind uns unserer Rollen bewusst, und wir inszenieren uns aktiv, je nach Kontext immer auf unterschiedliche Weise. Vorangetragen wird diese Entwicklung vor allem durch die Erfindung des Internet und sozialer Netzwerke. Damit einher geht ein Wandel in Bezug auf den Umgang mit Macht und Hierarchie. Die Generation der internetaffinen jungen Menschen „ist dazu prädistiniert, zur empathischsten aller Zeiten zu werden. Ihr wird mehr an Zugang und Zugehörigkeit gelegen sein als an Autonomie und Ausschluss, sie wird sensibler für die menschliche Vielfalt sein, und sie wird mehr Wert auf Lebensqualität legen als auf materiellen Erfolg.“ (395)

Eine empathische Zivilisation, in der Individen ihre Rollen frei selbst definieren, wirft freilich Fragen nach der Authentizität dieser Individuen auf. Wenn wir nur noch aus Rollen und aus Beziehungsmustern bestehen, was bleibt dann übrig, als unser „guter Kern“? Rifkin nimmt dabei auch die Möglichkeit in den Blick, dass wir uns in all den Rollen früher oder später selbst verlieren: „Das Ich muss heute so viele Rollen übernehmen, dass es Gefahr läuft, ganz zu verkümmern“ (409). Aktuelle gesellschaftliche Trends, die es als Ideal formulieren, die mit der ganzen Welt zu „verschmelzen“, sind aus dieser Perspektive kritisch zu betrachten: „Verlieren wir […] unser Ich und werden zu einem undifferenzierten globalen Wir, könnte es passieren, dass wir wieder in den mythologischen Nebel unserer Anfänge eintauchen, als unser Selbstbewusstsein und unsere angeborene Fähigkeit zur Empathie noch kaum entwickelt waren“ (410).

Dennoch wäre es keine Option, nicht empathisch zu sein. Als Lösungsmöglichkeit nimmt Rifkin Anleihen bei Stanislawski, einem russischen Theaterreformer, der sich in Bezug auf die Ausbildung von Schauspielern dafür eingesetzt hat, dass das emotionale und organische Erleben und die Verkörperung der Rolle in den Mittelpunkt rücken. Authentisch ist das, was wir tatsächlich gegenwärtig fühlen. Eine Rolle zu erfüllen hieße dann, in sie zu schlüpfen, sie sich zu Eigen zu machen, wie man mit der Hand in einen Handschuh schlüpft. Sei die Rolle, die Du spielst, voll und ganz. Erlebe den, den Du darstellst, „von innen“.

Verkörpertes Erleben wäre somit der Schlüssel für ein von gegenseitiger Empathie getragenes Miteinander. Grund genug, Methoden wie Meditation, progressive Muskelentspannung oder Focusing als tägliche Praxis im Alltag zu etablieren.

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