Es knirscht im Getriebe

Die Welt ist komplexer, als wir denken. Und zwar immer. Das hat die Chaostheorie herausgefunden. Je genauer man hinschaut, desto eher wird man darüber staunen, dass das, was man dann vorfindet, gar nicht mehr zu dem passt, was man eigentlich erwartet hat. Genauer hinschauen heißt dabei nicht nur, ins Detail zu gehen, d.h. eine Lupe zu verwenden. Sondern genauso, zurückzutreten und Dinge von außen oder von oben zu betrachten. Beides offenbart die Stellen, an denen unsere Modelle und die Welt nicht mehr zusammenpassen.

Dabei fängt das Ganze meist leise und unauffällig an. Irgendwo, an einer kleinen Stelle gibt es etwas, was leise knirscht. Wir bemerken es, aber na ja, es gibt Wichtigeres. Das Knirschen kann jedoch immer größer, immer lauter werden. Dann müssen wir es registrieren. Es kann schließlich so gewaltige Kräfte entfalten, dass von dem anfangs leisen Knirschen große Konflikte und Umwälzungen hervorgerufen werden, die das meiste von dem in Frage stellen, was wir zu wissen glaubten. Dieses grundlegende Phänomen tritt in den verschiedensten Bereichen des Lebens auf.

In persönlichen Beziehungen bemerken wir zum Beispiel irgendeine kleine Eigenschaft unseres Partners oder einer Freundin, die uns zuvor nie oder nur am Rande aufgefallen sind und die mehr und mehr ins Zentrum tritt. Jeder von uns hat das schon erlebt. So ein vages Gefühl wird spürbar: das ist doch irgendwie merkwürdig, was er oder sie da macht. Zum Beispiel, wie sie schaut, wenn sie Zeitung liest oder wie er die Zahnpasta aus der Tube drückt. Anfangs ignorieren wir das. Ist doch unwichtig. Aber nach Monaten oder Jahren des Zusammenlebens werden diese Kleinigkeiten so groß, dass wir irgendwann unsere Theorie, die wir über diesen Menschen hatten, revidieren müssen.

In Gesellschaften gibt es ähnliche Prozesse. Günter Eichs berühmter Ausspruch „Seid Sand im Getriebe der Welt!“ weist daraufhin. Ein gutes Beispiel ist die DDR. Die offiziellen Denk,- Organisations- und Lebensmodelle, innerhalb derer die Bürger leben sollten, passten einfach nicht zu deren Bedürfnissen. Anfangs waren es nur wenige Menschen, die die Umstände kritisierten. Das ging schon früh los. Arbeiter, die im Juni 1953 auf die Straße gingen, wurden gewaltsam bekämpft. Die Stasi war ein gigantischer Apparat, um das, was da im Volke knirschte, jahrzehntelang systematisch auszuspähen, zu katalogisieren und auszuschalten. Doch letztlich nützte dies alles nichts: im „Wir sind das Volk“ wurde das Knirschen zu einem wütend artikulierten Satz, der den gesellschaftlichen Wandel einleitete.

Und auch die Wissenschaft ist durchtränkt von diesen Knirscherlebnissen. Albert Einstein trug das Knirschen, das er fühlte, als er die alten Modelle der Physik studierte, ein Jahrzehnt lang als vages Gefühl im Körper, bevor er die Relativitätstheorie formulierte, die besser zu Welt passte. Natürlich knirscht auch diese Theorie an bestimmten Stellen. Heutige Wissenschaftler versuchen deshalb, neue Theorien zu formulieren, die besser zu den Beobachtungen passen. (Dabei kann es sogar so weit gehen, dass zunächst mal Theorien formuliert werden, die nicht knirschen, aber im Gegenzug so abstrakt sind, dass man gar keine Bestätigungen beobachten kann. Bei der Stringtheorie ist das so.)

Mir scheint, entscheidend in all diesen Bereichen ist die Frage, wie wir mit dem Knirschen umgehen. Akzeptieren wir es, wie Albert Einstein, so dass dabei neue, wertvolle Gedanken entstehen, oder unterdrücken wir es gewaltsam, wie die Machthaber der DDR? Wenn wir uns dafür entscheiden, dem Knirschen zu lauschen, brauchen wir vor allem Mut. Denn das, was wir zu wissen meinen, wird jedes Mal über den Haufen geworfen. Absolute Sicherheit wird es -letztlich- nie geben. Egal, wie weit wir unsere Denkmodelle verfeinern, anpassen und optimieren.

 

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