Tagebucheintrag

Was ist eigentlich Qualität?

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie man Qualität definieren könnte? Das ist gar nicht so einfach. Natürlich kann man, ganz allgemein, sagen, Qualität heißt, dass etwas gut ist. Aber damit ist uns nicht weiter geholfen. Dann verschiebt sich einfach nur die Frage: was heißt eigentlich gut?

Qualität lässt sich nicht definieren, so lange man dies auf einer abstrakten Ebene versucht. Je konkreter und je subjektiver man wird, desto einfacher wird es. Ein gutes Abendessen, das Sie letzte Woche gemeinsam mit einem Menschen, den Sie gerne haben, genießen konnten, ist einfacher zu beschreiben als „Das Gute“, ganz allgemein. Und das ist zugleich das Problem. Denn wenn Sie überlegen, was es heißt, ein gutes Leben zu führen, kommen Sie irgendwann an den Punkt, an dem allgemeine Definitionen nicht mehr greifen. Dann können Sie nur noch selbst antworten, und niemand sonst.

Qualität lässt sich also nicht objektiv definieren, sondern nur subjektiv. Eine Vorstufe dieser subjektiven Antwort ist die intersubjektive Antwort. Das heißt, Sie können mit Ihren Mitmenschen reden, können Bücher lesen, Filme schauen und dabei Ihre subjektiven Erfahrungen austauschen. Dadurch entsteht so etwas wie ein „common sense“, ein Überlappungsbereich: das wird allgemein als gut angesehen und das nicht. Dennoch kann es sein, dass ausgerechnet Sie etwas ganz anderes spüren, als das, was im Überlappungsbereich liegt. Das ist eigentlich nicht schlimm. Wenn Sie es jedoch gewohnt sind, sich stark an dem zu orientieren, was von vielen als richtig und gut angesehen wird, kommen Sie in eine Zwickmühle.

Damit wird vielleicht deutlich, dass es so etwas wie ein Kontinuum gibt zwischen subjektiver und objektiver Bewertung. Die Psychologen Fritz Strack und Roland Deutsch beschreiben etwas Ähnliches in einem Modell, das die sozialpsychologische Forschung aus mehreren Jahrzehnten zusammenfasst. Sie sagen, in uns gibt es ein kognitives (bzw. reflektives) System und ein impulsives System. Das kognitive System hat vor allem etwas mit bewussten, rationalen Entscheidungen zu tun. Das impulsive System hingegen funktioniert automatisch, unbewusst und nach Art eines Netzwerks, in dem Knoten für Knoten aktiviert wird, und am Ende so zu einer Handlung führt.

Wenn wir versuchen, reine Objektivität zu erreichen, befinden wir uns im kognitiven System. (Dies ist schon deshalb zum Scheitern verurteilt, weil wir Menschen sind. Und jeder Mensch hat/ist auch ein impulsives System.) Zutiefst subjektiv hingegen ist das, was rein impulsiv geschieht. Beides ist noch nicht gut. Könnte man also Qualität definieren als eine gute Mischung oder ein gutes Zusammenspiel aus kognitivem und impulsiven System?

Immer dann, wenn wir nachdenken, aber auch unseren Impulsen Raum geben, kommen wir voran. Immer dann, wenn wir Impulse nicht dumpf ausleben, sondern darüber reflektieren, selektieren und sie gezielt mit klugen Gedanken veredeln, und ihnen dadurch Richtung geben, kommen wir voran. Immer dann, wenn wir dem kalten Verstand nicht blind die Kontrolle überlassen, sondern einen gesunden, spürigen Menschenverstand daraus machen, kommen wir voran.

Ich schreibe hier, dass wir voran kommen. Am ehesten merken wir vielleicht, dass etwas gut ist, daran, dass wir kleine Schritte machen. Vorwärts, hin auf ein vages Ziel, das wir noch gar nicht kennen. Aber wir spüren: es ist ein gutes Ziel.

2 Comments

  • Martin Bartonitz

    Hallo Tony,
    das ist eine interessante Fragestellung, der Du hier nachgehst. Ich denke, dass die Bewertung, ob eine Entscheidung tatsächlich gut oder schlecht für uns Menschen sein wird, selten im Vorhinein getroffen werden kann. Daher wird es immer um ein Experimentieren gehen. Immer mit dem Bewusstsein, dass wir auf Basis der gemachten Erfahrung bewerten müssen und dann ggf. nachjustieren müssen.
    Aber es bleibt dann noch immer schwierig zu beurteilen, ob etwas gut oder schlecht gelaufen ist. Nach dem Krieg hatten die Deutschen überwiegend den Eindruck, dass unsere Gesellschaft auf einem guten Weg war. Fast Jedem ging es verglichen zur Zeit des Hungerns und Frierens immer besser.
    Dass wir dabei aber zunehmen unsere Welt zerstören und uns selbst immer mehr in Krankheiten wie Burn-Out oder Depression bringen, wird erst jetzt klar.
    Auch dass unser zinsbasiertes Geldsystem die falschen Impulse aussendet, ist erst durch die aktuellen Krisen erkennbar geworden.
    Aber immerhin können wir hier schon bewerten, dass es so für unsere Gesellschaft nicht weitergehen kann, da es nicht gut geht.
    Nur, haben wir schon den Common Sense? Sehen das schon genügend viele Menschen, dass es nicht gut aussieht und wir eine andere Richtung einschlagen müssen?
    Lieben Gruß, Martin

  • Tony

    Lieber Martin,

    na ja, von einem absoluten Standpunkt aus würde ich Dir Recht geben. Aber wir Menschen sind nunmal nicht absolut, sondern haben immer nur unsere begrenzte Perspektive: kann man deshalb nicht sagen, dass die Intuition, die Ressourcen der Erde zu nutzen, erstmal gut war. Und jetzt kommt eine neue Intuition hinzu, die auch gut ist und die sagt, dass wir es nicht übertreiben sollen?

    Das wäre ja quasi eine Folge von dem, was Du experimentieren nennst. Beim Experimentieren geht man Ideen nach, die intuitiv entstehen, und beurteilt die Resultate im Nachhinein von einem kognitiven Standpunkt her. Dann schaut man wieder intuitiv, was dadurch Neues entsteht.

    Ich glaube, ich erzeuge oft ein Mißverständnis, wenn ich von Intuition rede: das Denken gehört eben auch dazu und darf auch nicht weggelassen werden! (vgl. auch umgekehrt: http://tonyhofmann.de/blog/2011/07/24/schalt-den-kopf-ein-aber-bitte-schalt-den-bauch-nicht-gleich-aus/)

    Lieben Gruß,
    Tony

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