Kernmodell der Adaptivität

Ausgangspunkt des Kern-Modells der Adaptivität ist Gendlins Prozess-Modell, Kapitel V. Hier werden auf Basis der Grundmetapher „Prozess“ detailliert mehrere Wege der adaptiven Veränderung beschrieben. Unter Adaption verstehe ich die kreative Anpassung eines Organismus (oder eines Systems) an widrige Umstände. Widrige Umstände meint z.B., dass etwas Essenzielles, was zur Fortsetzung von Prozessen nötig wäre, fehlt oder dass sich die Umwelt so verändert, dass Prozesse des Organismus nicht so fortgesetzt werden können, wie sie es ursprünglich intendieren. 

Folgende Punkte aus Gendlins Modell sind für mich relevant:

  1. Adaption kann gelingen oder mißlingen. In letzterem Fall stirbt der Organismus, die Beziehung zerbricht, das ehemals funktionale System zerfasert oder zerfällt.
  2. Bevor dies jedoch geschieht, entwickelt der Organismus aus sich selbst heraus mehrere Wege, auf denen er versucht, mit den widrigen Umständen adaptiv umzugehen. Einen dieser Wege nennt Gendlin die „Sequenz der letzten Stückchen“. Ein Organismus vollführt diejenigen Prozessschritte, die sich kurz vor dem Stopp ereignen, immer wieder neu und immer wieder ein bisschen anders. Wie die Blätter an einem Baum, die alle aus der gleichen Quelle kommen (nämlich dem Baum) sind diese Variationen gleich und doch auch verschieden – jedes Blatt ist zwar ein Blatt am gleichen Baum, hat aber dennoch eine etwas andere Struktur. Durch die fortwährende Variation dieser letzten, gerade-noch-möglichen Prozessschritte kann es nun geschehen, dass der Gesamt-Prozess eine Möglichkeit für seine Fortsetzung findet. Die Veränderung trifft dann z.B. einen neuen Umweltaspekt, der Organismus ist sensibler geworden für seine Umwelt, der Prozess kann etwa jetzt andere, neue Objekte integrieren, um sich fortzusetzen. Eine solche repetetive Sequenz aus „letzten Prozessschritten“ generiert einen Rhythmus. In dieser pulsierenden Sequenz gewinnt der Organismus neue Sicherheit und damit Stabilität. Diese kann als eine sichere Basis verstanden werden für eine veränderte Fortsetzung: Durch die gewachsene Sensibilität und durch die inhärente Sicherheit des rhythmischen „Versuchens“ (Trial-and-Error) erwachsen dem Organismus zusätzliche Freiheitsgrade, die die Fortsetzung des gestoppten Prozesses wahrscheinlicher machen.
  3. Eine weitere Möglichkeit, mit widrigen Umständen adaptiv umzugehen, liegt darin, dass der Prozess sich unmittelbar auf veränderte Weise fortsetzt. Es geschehen dann nicht nur die letzten Stückchen, sondern die gesamte Sequenz nach wie vor läuft ab – aber sie läuft anders ab, als „normalerweise“. Die Widrigkeit kreuzt sich während dieser Fortsetzung unmittelbar in jeden Einzelschritt der Sequenz mit hinein, die Schritte laufen dann irgendwie schräg oder verquer oder mit größerer Anstrengung ab – aber sie laufen. Eine derartige gestoppt/weiterlaufende Sequenz hat zweierlei Implikationen: Zum einen werden relevante Nachbarprozesse, die unmittelbar mit der verändert ablaufenden Sequenz interaffiziert sind, auch anders ablaufen. Wenn wir z.B. permanent nur wenig Nahrung zu uns nehmen (gestoppt/weiterlaufender Prozess der Nahrungsaufnahme), so sind die benachbart weiterlaufenden Denk- und Erlebensprozesse desselben Organismus von selbst und ohne Zwischenschritte gleich „automatisch“ in leichter Weise mit verändert. Zum anderen werden durch verändert ablaufende Sequenzen auch neue Umweltgeschehnisse möglich, die mit der üblicherweise und „normal“ ablaufenden Sequenz nicht möglich gewesen wären. Ein Beispiel wäre ein anders ablaufender Prozess des Gehens, etwa wenn ein Tier mit verletzten Fußsohlen über kleinkörnigen und spitzkantigen Schotter läuft. Es läuft vorsichtiger, tritt sachter auf, macht dabei weniger Spuren und seine Fressfeinde erkennen daraufhin nicht mehr so gut, dass dieses Tier hier entlang gelaufen ist und lassen von einer Verfolgung ab. Die Folgen, die sich in der Umwelt zeitigen, können also in „ungeplanter“ Weise auf den Organismus zurückwirken. Beides zusammen („automatisches“ Interaffizieren der Nachbarprozesse und „ungeplante“ Rückwirkungen aus der Umwelt) können den verändert ablaufenden Ursprungsprozess vervielfachen und damit Möglichkeiten für neue Effekte eröffnen. So kann z.B. das durch den Hunger leichten veränderte Denken neue, kreative Ideen hervorbringen, die die Umwelt umgestalten und damit neue Wirkungen auf den Organismus auslösen. Auch in diesem „kreativen“ Sich-selbst-Voran-Empfinden wird der Organismus sensibler für Umweltaspekte und kann gegebenenfalls organismisch aus sich selbst heraus und in Interaktion mit Umweltaspekten neue Wege der Fortsetzung „erfinden“.
  4. Bei all dem ist zusätzlich zu bedenken, dass adaptive Veränderung neben dem bisher Beschriebenen auch von außen initiiert werden kann. Nicht immer ist es der Organismus selbst, der aus eigener Kraft sich aus dem Sumpf der Widrigkeiten empor ziehen muss. Manchmal treten von selbst neue Impulse, neue Menschen, neue Ressourcen ins Leben, die kleine Unterschiede machen, Unterschiede jedoch, die in der Folge alles in positiver Weise verändern. Dies kann manchmal ganz unscheinbar vor sich gehen: Auch kleine Umweltänderungen können im Laufe der Zeit große Unterschiede bewirken. Wenn uns solch ein äußeres, das-Leben-zum-Guten-wendendes Ereignis geschieht, erleben wir diesen Augenblick möglicherweise als einen Moment der Gnade.

Wir haben hier ein differenzierteres Modell für „Evolution“, als das herkömmliche darwin’sche Modell, welches sagt, dass Variationen einfach nur zufällig erfolgen. Hier erfolgen sie nicht vollkommen zufällig, sondern organisch „von innen her“ in immer neuen Variationen und in Interaktionen mit (relevanten) Umweltbedingungen. Das Modell beschreibt also einen kreativen Prozess, der so lange abläuft, bis die Adaption „greift“.

Zusammenfassung und „road map“ für eine Veröffentlichung

Adaptivität ereignet sich als ein Zusammenspiel aus:

(A) Pulsierendes Trial-and-Error (bei völligem Prozessstopp)

(B) Interaffizieren von Nachbarprozessen (bei gestoppt/weitergehender Fortsetzung)

(C) Rückwirkungseffekte aus „ungeplanten“ Umweltveränderungen (bei gestoppt/weitergehender Fortsetzung)

(D) Gnade eines kleinen, äußeren Ereignisses, das einen großen Unterschied bewirkt

Ein Kernmodell der Adaptivität lässt sich als Kreuzprodukt dieser vier Aspekte ausdifferenzieren. Das Theoriefeld dieses Modells lässt sich in folgender Tabelle schematisch darstellen:

          A          B          C          D

A     A->A   A->B    A->C   A->D

B     B->A   B->B    B->C   B->D

C     C->A   C->B    C->C   C->D

D     D->A   D->B    C->C   D->D

Fragen, die helfen können, dieses Modell systematisch zu entwickeln, lauten (X = A bis D; Y = A bis D):

  • Was ist das Wesen von X, so dass es auch Y ist?
  • Was erkenne ich in X, wenn ich Y dabei mit berücksichtige?
  • Was ist die inhärente Verbindung von X und Y?
  • Welche bisher noch unbedachte Facette wird hervorgehoben, wenn ich X durch die Brille von Y betrachte?
  • Wie könnte eine Synthese aus X und Y aussehen, so dass (für mich) jeweils beides zugleich wahr ist?

Das Kernmodell der Adaptivität kann folgende Form bekommen:

Kernmodell der Adaptivität

3 Gedanken zu „Kernmodell der Adaptivität

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