Gespräch zwischen Schopenhauer, Libet und Gendlin (*)

Schopenhauer und Libet sitzen auf dem Campus einer Universität auf einer Bank. Über ihnen reckt sich eine alte Kastanie in den Himmel und vor ihnen befindet sich ein Teich mit Enten. Sie starren beide auf die Wellen des Wassers und auf die Enten, die herumplantschen, untertauchen und miteinander spielen.

Schopi: Wir können das Wollen nicht wollen. Ey, ich sags Dir, Libman.
Libman: Meinste, alter Mann? Hmm. Ich weiß nicht. Wichtiger erscheint mir: wir entscheiden uns schon bevor wir es merken. Letztlich kannste nur noch, was Du nicht willst, abbrechen. Wenns einmal läuft, kannste nur noch Schadensbegrenzung machen. Mehr geht net. Sorry. Tut mir ja leid.
Schopi: Ja. Aber hör doch mal zu, Mann. Wir können das Wollen nicht wollen. Verstehste? Du kannst nur das wollen, was von selbst will. Du kannst das Wollen nicht kontrollieren.
Libman: Ja sag ich doch. Du kannst die Initialzündung nicht verhindern. Die geschieht einfach. In Deinem Gehirn…
(Schopi denkt: Okay, vielleicht hat er es kapiert.)
Libman: … zu blöd nur, dass das nur unser Gehirn ist, das die Initialzündung macht. Die Physiologie kontrolliert den Geist.
Schopi: Oh Mann. Du checkst es nicht.
Libman schaut fragend.
Schopi: Hör doch mal auf mit Deiner Physiologie immer.
Libman: Warum?
Gene: Darf ich mich mal einmischen, Jungs?
Gleichzeitig Libman und Schopi: Wer bist’n Du?
Gene: ich hab mich mit dem Körper und solchen Sachen beschäftigt.
Libman: Ja und?
Gene: Der Körper ist doch keine Maschine.
Libman: Doch. Klar. Schau mal in ein Medizinlehrbuch.
Gene: Nee. Eben nicht. Der Körper ist Prozess. Und der Lebensprozess kommt zuerst. Der läuft nicht mechanisch ab. Nur indem wir drüber nachdenken, und ihn logisch erklären wollen, machen wir mechanische Units. Wir erzeugen das Millimeterpapier selbst.
Libman: Versteh ich nicht.
Schopi: Ich schon. Irgendwie.
Gene: Also das, was das Gehirn da an Impulsen produziert… das ist gar nichts Fremdes. Das sind wir selbst.
Libman kuckt immer noch fragend.
Gene: Die Physiologie ist einfach das Sein.
Heidegger: Hey, wer hat mich gerufen?
Gene: Martin, hilf mir mal. Wie erklären wir dem Naturwissenschaftler hier, dass die Physiologie nichts Getrenntes ist?
Heidegger: Warum sollen wir ihm das erklären? Die interessieren sich doch eh nicht für uns.
Gene: Na ja, schau doch mal. Der hier ist doch ganz nett, oder?
Libman kuckt die beiden mit großen, verwirrten Augen an.
Schopi etwas im Abseits: Ich habs auch schon probiert. Das ist sinnlos. Der checkts nicht. Er kuckt pessimistisch in die Gegend.
Heidegger: Stimmt, der ist ganz nett. Na gut.
Heidegger überlegt ne Weile und sagt dann: Wir müssen ihn selbst einbeziehen. In seiner Subjektivität.
Gene: Ja… Hey, du bist wieder mal echt gut, Martin. Danke!
Heidegger freut sich und verdrückt sich wieder.
Gene: Also, Libman. Schau mal. Die Impulse, die da kommen.
Libman: Ja. Die, die mein Gehirn entscheidet, zu senden.
Gene: Ja. Diese Impulse. Frag Dich doch mal, wie das bei Dir ist.
Libman: Wie, wie das bei mir ist?
Gene: Wie fühlt sich das denn an?
Libman: Ist doch egal. Wichtig sind die Millisekunden, die ich gemessen hab.
Gene: Ja. Die sind wichtig. Aber nur mal so als Experiment.
Libman: Okay.
Gene: Schau doch mal, wie das bei Dir ist. Wie fühlt sich das denn an, was da so kommt an Impulsen?
Libman: Ich verstehs immer noch nicht. Was soll ich machen?
Gene: Hast Du Hunger?
Libman: Ja. Wir sitzen hier schon den ganzen Vormittag.
Gene: Okay. Und warum gehst Du nicht, und holst Dir was zu essen?
Libman: Weil ich die Impulse kontrolliere. Ich will Euch Typen eigentlich erklären, dass wir nicht selbst entscheiden, sondern nur entscheiden können, das, was kommt, zu stoppen. Er überlegt eine Weile. Das mach ich hier ja auch gerade, eigentlich. Ich stoppe meinen Hunger, der von selbst kommt. Ob er kommt, kann ich nicht entscheiden.
Gene: Ja, genau. Das, was kommt, kontrollierst Du. Den Hunger.
Libman: Der langsam immer größer wird.
Gene lacht und sagt: Bei mir auch. Also, Mr. Libet. Der Hunger, der kommt doch von Dir.
Libman: Ja, der ist physiologisch.
Gene: Genau. Aber stellt Dir mal vor, es gibt auch einen anderen Hunger. Lebenshunger vielleicht. Nur mal so als Beispiel.
Libman grinst ein wenig.
Gene: Das ist auch so ein Gefühl im Körper, das sich so ähnlich wie Hunger anfühlt. Aber es ist nicht physiologisch. Da ist auch eine Bedeutung dabei. Das Gefühl hat eine Bedeutung. Für Dich.
Libman: Du meinst, so wie wenn man Lust hat, irgendwohin zu reisen?
Gene: Ja. Wie merkst Du das? Dass Du Lust hast?
Libman: Ich weiß nicht. Hmm. Da kommt so ein Kribbeln im Bauch. Das ist wie ein Impuls….
Beim Wort „Impuls“ stockt er. Und bekommt große Augen.
Libman: Oh Mann.
Gene grinst.
Libman: Okay. Du meinst also,…
Gene grinst immer noch und nickt.
Libman: Also diese Impulse, die da kommen….
Gene: Ja, bleib da mal. Bei den Impulsen.
Libman: Die kommen von mir.
Gene: Genau.
Libman: Und die kommen, bevor ich entscheide.
Gene grinst immer noch und sagt: Ja. Da bist Du dabei. Du, Benjamin Libet. Als Person. Als Mensch. Das ist nichts physiologisches. Und doch ist es physiologisch, denn Du spürste es ja im Körper. Das bist Du selbst.
Libman: Na gut. Irgendwie ist das komisch.
Gene grinst immer noch. Seine Lachfältchen treten immer deutlicher hervor. Er sagt: Na ja, bleib einfach mal dabei in nächster Zeit. Schau mal, wie das weiter geht… wo Dich das hinführt.
Libman: Das führt mich erstmal in die Cafeteria. Ich lad Dich zum Kaffee ein. Dich auch, Schopenhauer. Kuchen haben die auch.
Schopi: Kaffee und Kuchen wollen will ich. So ein Glück. Danke!
Alle drei verschwinden in der Cafeteria.

Übrig bleibt eine leere Bank und der Teich. Niemand außer den Enten sieht das Glitzern im Wasser, als plötzlich die Sonne heraus kommt und ihre Strahlen über die Szenerie wirft.

(*) Heidegger spielt auch ne kleine Gastrolle

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