Tagebucheintrag

Schalt den Kopf ein – aber bitte schalt den Bauch nicht gleich aus.

Würde Martin Heidegger in unserer Zeit leben, gäbe es bestimmt einen Joschka Fischer, der zu ihm sagen würde: „Herr Heidegger, mit Verlaub: Sie sind ein Arschloch!“ Dabei war der echte, historische Heidegger nur etwas mehr als ein Jahr lang ein Arschloch. Nämlich zu seiner Zeit als Rektor an der Freiburger Uni. Dann, nach diesem Jahr, hat er gemerkt, dass das mit dem Nationalsozialismus nicht so der Hit ist, und hat es wieder sein lassen. Hat sich wieder besonnen auf sein eigentliches Handwerk: das Philosophieren.

Und darin war er wirklich gut. Er hat Dinge so zu Ende gedacht, dass sie nicht zu Ende gedacht werden können. Klingt merkwürdig, ist aber so. Er hat nämlich verstanden, dass das Denken uns trennt, uns abschneidet von dem, was er das Sein nannte. Und dass das Sein, also das Leben, das große Ganze, das in sich in Myriaden von kleinen Wechselwirkungen miteinander verwoben und verbunden ist, theoretisch nicht erfasst werden kann. Das Denken kommt immer zu kurz.

Damit hat er etwas vorweggenommen, was die Chaosforschung später bestätigte. Beispielsweise Tor Noerretranders sagte in seinem (zumindest unter chaostheorieinteressierten Insidern) berühmt gewordenen Buch „Spüre die Welt“ nichts anderes. Er schreibt darin, dass wir, um das Universum bis ins letzte wissenschaftlich erforschen zu können, eigentlich einen Computer bräuchten, der so komplex ist, wie das Universum selbst. Sonst wird es nichts mit den Modellen, die wir uns vom Universum machen, weil sie immer zu stark vereinfachen.

Auch der große Philosoph Douglas Adams hat auf die Grenzen des Denkens hingewiesen – selbst wenn wir solch einen Computer hätten, was sollten wir mit dem Ergebnis anfangen, wenn er es uns am Ende in Form einer einzelnen Zahl nennt? Damit berühren wir die Frage, was überhaupt Wissenschaft uns bringt. Kann sie uns Fragen beantworten über das, was wir „sinnerfülltes Leben“ nennen? Ich meine: nein. Zumindest nicht direkt. Wissenschaft kann lediglich abstakte Theorien darüber aufstellen, was sinnerfülltes Leben ist, unter welchen Bedingungen es wahrscheinlicher wird und wer es lebt. Konkret leben müssen wir schon selbst.

Martin Heidegger hatte ein paar Monate lang geglaubt, dass die Nazis genau das kapiert hätten, und jetzt eine Zeit des sinnerfüllten Lebens für alle begänne. Nun ja, dass er sich darin getäuscht hat, wissen wir. Ein wenig verstehen (wenngleich auch nicht entschuldigen) kann man ihn vielleicht, wenn man bedenkt, dass er natürlich auch verführbar war. Wenn man schon Aussicht auf eine Rektorenstelle hat, glaubt man ein wenig mehr denen, die mit dem Stellenangebot winken. Zumindest wird das scharfe, urteilende Denken nicht mehr ganz so scharf sein, wenn die Lust nach einem sicheren Posten mit Einfluss und Macht mit dazu kommt.

Der Nationalsozialismus war tatsächlich sowas wie der böse Zwillingsbruder eines sinnerfüllten Lebens. Er hat nämlich versucht, das Denken auszuschalten und den Impulsen, die von „ganz tief unten“ kommen, unreflektiert Raum zu geben. Übrigens beschimpft Ernst Bloch aus genau diesem Grund in  Das Prinzip Hoffnung C.G. Jung, der einige dieser Impulse Archetypen nannte, als Nazi.

Was also können wir tun? Den Impulsen, die von „unten“ kommen, Raum zu geben, ist sicherlich sinnvoll. Das fehlt uns in unserer Welt. Aber dabei bitte nicht das Denken ausschalten, so, wie es die Nazis gemacht haben. Wenn ich in einem früheren Eintrag geschrieben habe „Denken bringt nicht viel – fühlen schon!„, meine ich damit nicht, dass das Denken unser Feind wäre. Vielleicht können wir jedoch lernen, noch „fühliger“ zu denken. Als Kinder hören wir den Satz: schalt deinen Kopf ein. Vielleicht brauchen wir noch die Ergänzung: aber schalt den Bauch nicht gleich aus.

Gesunder Menschenverstand ist der Mittelweg zwischen kalter, abstrakter Logik und dem dumpfen Ausleben von Impulsen. Folgt man diesem Weg, muss man sich auch nicht von Joschka Fischer mit Schimpfwörtern bewerfen lassen.

 

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