Probleme, die nicht da sind

Es gibt eine bestimmte Klasse von Problemen, die nicht da sind, wenn wir uns dafür entscheiden, dass sie nicht da sind. Sie sind keine realen Steine, die im Weg liegen. Sie sind nicht mehr, als eine gemeinsam-geschaffene, symbolische Realität, auf die man sich irgendwann mal geeinigt hat. So, wie Geldscheine nur deshalb eine Bedeutung haben, weil sowohl Käufer als auch Verkäufer daran glauben, dass Geldscheine eine Bedeutung haben, sind auch diese Probleme nur dann da, wenn alle Beteiligten daran glauben, dass sie da sind.

Die Kunst besteht wohl darin, zu erkennen, ob es sich bei einem Problem um ein Problem handelt, das auch dann noch da ist, wenn man sich gemeinsam dafür entscheidet, dass es nicht da ist, – oder eben um eines, das dann einfach nicht mehr da ist. Ein Beispiel für ein Problem, das noch da ist, selbst wenn man sich dafür entscheidet, dass es weg ist, wäre eine Krebserkrankung. Sie verschwindet durch die Entscheidung nicht, sie hat eine organische, physiologische Basis, die sich nicht um Vereinbarungen zwischen Menschen kümmert.

Auch Probleme, die zu viele Menschen einbeziehen, als dass diese sich noch gemeinsam darauf einigen könnten (oder wollen würden), dass die Probleme nicht mehr da sind, gehören nicht zu der von mir gemeinten Klasse von Problemen. Ein Beispiel wären etwa Schulden bei einer Bank. Es wäre zwar möglich, dass der Schuldner und z.B. seine Familie oder sein engerer Freundes- und Bekanntenkreis sich darauf einigen, dass es die Schulden nicht gibt. Dies würde dieser Gruppe von Menschen vielleicht eine Zeit lang einen guten Schlaf bescheren. Es gibt jedoch noch eine große Menge anderer Menschen, die glauben, dass die Schulden da sind, und spätestens wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, sind diese Probleme tatsächlich wieder da.

Physiologisch bedingte Probleme, von großen sozialen Institutionen oder von vertraglichen Festschreibungen oder von äußeren Bedingungen abhängige Probleme zählen also nicht dazu.

Probleme, die nicht da sind, sind daher als solche definierbar, die lediglich im rein Symbolischen ablaufen und nur eine geringe Anzahl von Beteiligten angehen. Wenn diese beiden Bedingungen gegeben sind, können Probleme einfach dadurch verschwinden, dass alle gemeinsam beschließen, dass es kein Problem gibt. Dann löst es sich sprichwörtlich in Luft auf. Stellen Sie sich vor, Sie hätten Angst vor dem Unmut ihrer Arbeitskollegen, weil Sie zu spät zur Arbeit gekommen sind. Sie haben eine gemeinsame Projektbesprechung und alle warten auf Sie. Sie kommen durchgeschwitzt (weil Sie gerannt sind) ins Besprechungszimmer, und alle sitzen vergnüglich beieinander, plaudern und trinken Kaffee. Das Problem „Eine Person kommt zu spät und alle müssen warten“ ist genau dann kein Problem, wenn alle Beteiligten sich gemeinsam dafür entscheiden, dass dies kein Problem ist. Natürlich könnten die an dieser Szene Beteiligten auch mit genervt wippenden Füßen da sitzen und grimmig drein blicken, wenn Sie in den Raum hereinstürzen. Dies würde jedoch nichts ändern. Selbst die Konsequenzen (v.a. der Zeitverlust) wären in beiden Fällen dieselben.

Andere Beispiele wären Probleme im zwischenmenschlichen Bereich, Beziehungsdramen, die sich nur zwischen einer kleinen Zahl von Menschen abspielen oder Traumatisierungen, die über Generationen hinweg weiter gegeben werden und bei den Zielpersonen jeglicher Grundlage entbehren. In all diesen Situationen kann es sinnvoll sein, Probleme einfach gemeinsam weg zu definieren. Sofern dies von allen Beteiligten so getragen wird, ist es Realität, und gilt von nun an.

Die Möglichkeit, Probleme, die nicht da sind, einfach per Wegdefinition verschwinden zu lassen, ist ein Zeichen von Vertrauen.

Ein Gedanke zu „Probleme, die nicht da sind

  1. Anke Antworten

    Lieber Tony,
    das ist ein interessantes Thema, finde ich. Und ich möchte Deine Gedanken ein wenig ergänzen und weiterführen. Für mich stellt sich die Frage: Was ist „da-sein“ und „weg-sein“? Ist das nicht eine Frage der Wahrnehmung? Und diese Wahrnehmung muss möglich sein, das heißt, das Wahrgenommene („Problem“) muss eine Wirkung haben. Nur dann kann es wahrgenommen werden. Vielleicht ist das Problem auch nur ein Pseudo-Problem. Ich habe neulich den Begriff Pseudo-Allergie gehört. Eine Heilpraktikerin sagte mir, ich hätte gar keine Allergie mehr (die sei geheilt), aber eine Pseudo-Allergie. Das ist so etwas wie ein Glaubenssatz des Körpers. Der Körper, das Immunsystem, sagt: „Es ist seit 50 Jahren so, dass ich niesen muss, wenn ich an blühenden Gräsern vorbei spaziere, also niese ich.“ Ich versuche gerade bei jedem Spaziergang mit meinem Körper eine neue Definition zu verhandeln („Du hast vielleicht gar keine Allergie mehr, demnach brauchst Du dich auch nicht gegen die Pollen zu wehren“) – klappt leider noch nicht ganz 😉
    Hinsichtlich Trauma-Erfahrungen kenne ich es aus dem Somatic Experiencing (SE), dass durch eine aktuelle Orientierung (zum Beispiel im Hier und Jetzt) mit dem Nervensystem „neu verhandelt“ werden kann, dass es auf bestimmte Dinge oder Menschen oder Situationen nicht mehr mit einer Fluchtreaktion oder einer Erstarrung antworten muss, weil die Situation nicht (mehr) gefährlich ist. Das würde vielleicht dem entsprechen, was Du mit „Wegdefinierenn“ meinst – oder?
    Bei Deinem Beispiel mit der Krebserkrankung würde ich einwenden wollen, dass davon vielleicht doch etwas möglich ist. Eine Krebserkrankung ist ja nicht einfach eine physiologische Tatsache, sondern aus meiner Sicht eine Reaktion/ein Signal des Körpers auf irgend etwas. Wenn dieser Ursprung erspürt werden kann, gesehen und bezeugt wird und dann „neu verhandelt“ und erlebt wird, kann der Mensch heil werden, darauf vertraue ich tatsächlich!
    Herzliche Grüße,
    Anke

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