Filmtipp: Mandala

Im Dokumentarfilm „Mandala“ sieht man eine Stunde lang sechs buddhistischen Mönchen dabei zu, wie sie aus farbigem Sand ein buntes, atemberaubendes geometrisches Schaubild streuen, 5 Meter im Durchmesser. Mandalas sind heilige Symbole… das Mandalaritual braucht höchste Konzentration – jedes Sandkorn wird an die richtige Stelle gestreut, und es gibt nur einen einzigen Versuch: Was einmal gestreut wurde, ist gestreut und lässt sich nicht mehr verändern. Einer der Mönche sagt im Interview, dass es keinen Unterschied macht, ob jemand mit gekreuzten Beinen in einer Höhle sitzt und in tiefer Kontemplation versunken ist, oder ob man Sandkörnchen zwischen den Fingern hindurch rieseln lässt, um die bunten Formen entstehen zu lassen. Das Ritual braucht zehn Tage tief konzentrierten Arbeitens. Es entstehen nicht einfach nur beliebige geometrische Formen, sondern ein perfekt abgestimmtes Zusammenspiel heiliger Symbole, die über tausende von Jahren hinweg mit Sinn aufgeladen wurden. Jede der Formen hat eine eigene, von den Mönchen tief gefühlte Bedeutung.

Wenn das Schaubild fertig ist, und seine höchste Perfektion erlangt hat, wird der Sand, aus dem es gemacht wurde, mit kleinen Besen innerhalb weniger Minuten zusammengekehrt. Was vorher eine große, symbolische Farbenpracht war, ist mit einem Male nicht mehr, als bloßer Staub.

Was mich an dem Film beeindruckt, ist die Macht, die diese letzte Geste hat. Sie zeigt die Relativität alles Symbolischen. So, wie die Symbole im Mandala, so sind (wären) prinzipiell auch alle anderen geschaffenen Symbolwelten des Menschen mit einem Male wegwischbar. Prägende Gedanken in Romanen, Gesetzestexte und Reden von Politikern, filmische Szenen, die sich tief ins Unbewusste eingegraben haben. Märchen, die wir als Kinder gehört haben und die unser In-der-Welt-Sein prägen. Eine Kultur wird durch Symbole zusammengehalten. Die buddhistischen Mönche zeigen, wie leicht es ist, all diese Pracht mit einem Male vergehen zu lassen. Was übrig bleibt, ist das rein Materielle, der Sand, der einem nahe gelegenen Fluss übergeben wird. Er wird von der Strömung fortgetragen, und der Film ist zu Ende. Diese letzte Handlung, die die Mönche vollführen, ist selbst ein Ritual. Es ist ein Ritual, das alle Rituale relativiert und transzendiert. Es ist ein Symbol für die Grenzen alles Symbolischen.

Auch dieser Text, den ich hier gerade eintippe, ist, wie jeder Text, nicht mehr als der Sand und das Metall, aus dem die Schaltkreise meines Computers gefertigt sind, wenn man ihn aller symbolischen Bedeutung entkleidet. Alle sprachlichen Arbeiten, die auf Symbolen beruhen, seien es nun Hausarbeiten oder Dissertationsschriften, philosophische Werke oder große Weltliteratur – all dies sind Beispiele symbolisch geschaffener Wirklichkeit. Sie sind nicht mehr, und nicht weniger als das. Wir haben die Wahl, ob wir sie ernst nehmen, genießen und nutzen, oder ob wir sie relativieren und wegwischen wollen.

Dabei ist jedoch zu beachten: Die Mönche in dem Film haben sich nicht einfach entschieden, ohne Symbole zu leben. Im Gegenteil. Sie haben sich entschieden, im Mandalaritual ein Symbol zu schaffen, das alle Symbole im Symbolischen vereint. Vielleicht können Menschen gar nicht ohne den Halt, den Symbole geben, leben.

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