Tagebucheintrag

Was bin ich?

Ich bin ein feines Gefühl, das jeder kennt, und doch fällt es schwer, mir einen Namen zu geben. Ich bin das Kribbeln im Bauch, der Zauber, der jedem neuen Anfang innewohnt. Ich bin das Potenzial einer Begegnung. Ich bin Vorfreude, ohne so recht zu wissen, worauf eigentlich. Ich bin lustvoll, ohne dass unbedingt Sexualität im Spiel sein muss. Ich bin Motivation, ohne das Ziel zu kennen, auf das ich hin arbeite. Ich bin der Herzschlag, der sich erhöht und das Leuchten in den Augen. Ich bin das Glitzern, das die Dinge überzieht. Ich bin das Gespür, was den Weg weist. Ich bin das, was Menschen sich lebendig fühlen lässt, ich evoziere Abenteuer und Verrücktheiten. Ich bin das, was es möglich macht, dass Menschen sich von überkommenen Ritualen und von Schemata befreien, die nicht mehr passen. Ich bin das leise, unlogische und unbestimmte Mehr, das zu allem, was ist, hinzukommt. Ich erschaffe eine neue Dimension, die vorher noch nicht da war.

Menschen erleben mich in den verschiedensten Tätigkeiten, und es gibt mich in den verschiedensten Ausprägungen. Ich komme manchmal in buntem Gewande daher und bringe eine schiere Vielfalt von Möglichkeiten und neuen Impulsen mit mir, und manchmal erscheine ich auch ganz schlicht und gleichförmig. In manchen Fällen ist es notwendig, jahrelang zu üben, oder man muss sich richtig anstrengen, damit ich zur vollen Entfaltung finde. Manchmal entstehe ich auch von jetzt auf gleich, ohne große Vorbereitung und ganz mühelos. Manchmal setze ich alle Zellen und Fasern des menschlichen Körpers unter intensivsten Starkstrom, und manchmal bin ich nicht mehr als ein vorsichtiges, unspektakuläres Anklopfen an einer Türe.

Man findet mich in verschiedensten menschlichen Tätigkeiten. Die folgende Liste ist ohne (moralische) Wertung zu verstehen, bestimmte Tätigkeiten sind also nicht besser oder schlechter, als andere. Es geht eher um die Frage, auf welche Weise und in welcher Art sie mich, das feine Gefühl, hervorzubringen vermögen. Hier sind einige Beispiele:

Vielfalt hoch, Übung/Aufwand hoch, Intensität hoch:
Entwicklungshilfe in einem fremden Land, Klavierspielen, Kunst herstellen

Vielfalt hoch, Übung/Aufwand niedrig, Intensität hoch:
Reisen, Fremdgehen, ein Konzert besuchen, Sport konsumieren

Vielfalt hoch, Übung/Aufwand hoch, Intensität niedrig:
Lesen anspruchsvoller Literatur

Vielfalt hoch, Übung/Aufwand niedrig, Intensität niedrig:
Durchs Fernsehen zappen, Briefmarken sammeln

Vielfalt niedrig, Übung/Aufwand niedrig, Intensität hoch:
Sauna

Vielfalt niedrig, Übung/Aufwand hoch, Intensität hoch:
Selbst Sport machen

Vielfalt niedrig, Übung/Aufwand hoch, Intensität niedrig:
Karten spielen

Vielfalt niedrig, Übung/Aufwand niedrig, Intensität niedrig:
Zigarette rauchen, Schokolade essen

Was also bin ich?

 

 

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