Tagebucheintrag

Embodiment bei Schopenhauer (und noch mehr als das)

„Zeit und Raum werden nicht bloß jedes für sich von der Materie vorausgesetzt; sondern eine Vereinigung Beider macht ihr Wesen aus, eben weil dieses, wie gezeigt, im Wirken, in der Kausalität, besteht. (…)

Das subjektive Korrelat der Materie oder der Kausalität, denn Beide sind Eines, ist der Verstand, und er ist nichts außerdem. (…)

Die Veränderungen, welche jeder thierische Leib erfährt, werden unmittelbar erkannt, d.h. empfunden, und indem sogleich diese Wirkung auf ihre Ursache bezogen wird, entsteht die Anschauung der letzteren als eines Objekts. Diese Beziehung ist kein Schluß in abstrakten Begriffen, geschieht nicht durch Reflexion, nicht mit Willkür, sondern unmittelbar, nothwendig und sicher. (…)

Aber wie mit dem Eintritt der Sonne die sichtbare Welt dasteht, so verwandelt der Verstand mit einem Schlage, durch seine einzige, einfache Funktion, die dumpfe, nichtssagende Empfindung in Anschauung.“

(Die Welt als Wille und Vorstellung, §4)

Das, was Schopenhauer in den letzten beiden Absätzen beschreibt, kennen wir Psychologen schon unter dem Schlagwort „embodiment“. Das ist ein gut erforschtes Gebiet, das davon ausgeht, dass unser Körper denkt, und nicht so sehr nur unser Gehirn. Oder, um genauer zu sein: unser Gehirn denkt nicht ohne unseren Körper. Wenn ich einen Stift zwischen den Zähnen halte, kreuze ich damit andere Zahlen auf einer Lustigkeitsbeurteilung von Comics an, als wenn ich den Stift zwischen den Lippen halte. Denn zwischen den Zähnen halten aktiviert die Lachmuskeln stärker. Ein kognitives Urteil wird also durch eine körperliche Veränderung beeinflusst, und das Ganze geschieht, ohne dass mir das bewusst wäre.

Was Schopenhauer jedoch in den ersten beiden Absätzen schreibt, geht weit über embodiment hinaus. Materie selbst, so sagt er, ist Wirken. Wirken ist Kausalität. Materie ist Kausalität. Und nichts sonst. Und Materie ist das Zusammenspiel von Raum und Zeit, denn nur dadurch ergibt sich Dauer. Und da wir nur über den „thierischen Leib“, also über den Körper (erstmal ohne Verstand) dieses Wirken erfahren können, entsteht die Welt als Welt der Objekte. Gendlin (in Folge von Heidegger) hingegen sagt ja, die Trennung in Subjekt und Objekt entsteht dadurch, dass wir Muster übertragen. Siehe youtube-Videos der letzten Einträge.

Widersprechen sich Gendlin und Schopenhauer? Ich glaube nicht, denn das, was Gendlin Musterübertragen nennt, könnte etwas ganz ähnliches sein wie das, was Schopenhauer mit seiner Sonnenmetapher meint, die die Welt dastehen lässt. So etwa sinngemäß: Im Sonnenschein sieht man erst die Muster, die man übertragen kann.

Was ist nun das Spannende an dieser ganzen Geschichte? Nun, die Verbindung aus embodiment und Raum und Zeit und überhaupt Materie. Der alte Schopenhauer hat das noch viel weiter gedacht, als wir Psychologen das heute tun. Er geht bis in die Physik rein. Wir gehen ja davon aus, dass der Körper ein Körper in einer Umwelt ist. Wir denken cartesianisch. Wenn man Schopenhauer ernst nimmt (und wenn ich das alles richtig verstehe), dann bedeutet das ja, dass durch embodiment überhaut erst unser gesamtes cartesianisches Weltbild entsteht. Durch embodiment entsteht das, was uns so vertraut ist, dass wir es einfach als gegeben voraussetzen, nämlich eine Umwelt der Objekte, in der wir uns als Objekt unter Objekten bewegen. Gendlins Innen und Außen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

[vidbg container=".home" mp4="http://www.tonyhofmann.com/wp-content/uploads/4-freiraum-und-kunst.mp4" webm="#" poster="http://www.tonyhofmann.com/wp-content/uploads/bg_static.jpg" loop="true" overlay="false" overlay_color="#000" overlay_alpha="0.7" muted="true"]