Tagebucheintrag

Einfach irgendwo anfangen!

Eigentlich ist es egal, wo man anfängt, wenn man ein Problem intuitiv lösen will. Denn Sie können ohnehin nicht voraussehen, wohin Sie gelangen werden. Das ist ja der Witz daran: ein Problem entsteht gerade dadurch, dass sinnvolle Schritte, die man abarbeiten könnte, nicht gesehen werden und auch frische Ideen dafür, welche Schritte das sein könnten, fehlen. Hätten Sie eines von beidem, hätten Sie auch kein Problem. Sie stecken fest. Man könnte deshalb ein Problem umdefinieren zu „Ratlosigkeit“.

Ratlosigkeit heißt, dass hier die Situation ist, in der Sie sich befinden, und dort die Lösung, die noch nicht da ist. Systemisches Denken.

Das Problem ist also die fehlende Brücke zwischen Situation und Lösung. Und die entsteht erst, während man darüber geht. Das ist nicht so leicht zu begreifen und auszuhalten für uns plan- und sicherheitsverwöhnte Menschen. Da gibt es nichts, was man abarbeiten oder vorausplanen könnte. Eine Brücke, die erst entsteht, während man darüber läuft, macht deshalb auch Angst. Im Film „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ läuft Indy über einen Abgrund, weil er auf Gott vertraut. Auch der Webeslogan „Just do it“, mit dem sich ein bekannter Schuhproduzent schmückt, ist nichts anderes als eine abgewandelte, weniger heilige Variante. Im Film war die Brücke vorher schon da, wie man sehen konnte, als sich die Kamera verschob. Im richtigen Leben wächst sie erst.

Die Metapher der Brücke ist leider ein wenig irreführend. Brücken sind normalerweise gerade und verbinden zwei Ufer auf dem kürzesten Weg. So ökonomisch ist Ihre Intuition (zumindest auf den ersten Blick) nicht. Die Brücke, die entsteht, während Sie darüber laufen, kann tausend Knicke und Kehren haben, mal schmal, mal breit sein, mal aus Stahlbeton und mal aus einem dünnen Seil bestehen. Sie ist definitiv länger. Und wenn Sie dann am anderen Ende ankommen, werden Sie vielleicht zurück blicken und sagen: ach, so einfach wäre das gewesen. Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen? Und dann erzählen Sie Ihren Mitmenschen davon und bauen damit für die anderen eine stabilere Brücke, die diesmal wirklich kurz ist. Für Sie selbst jedoch waren die Umwege notwendig, denn sonst wären Sie nicht dort angekommen, wohin Sie geführt wurden.

Wie ich im letzten Eintrag schon geschrieben habe: Nachdenken bringt nichts. Was also tun? Antwort: immer erstmal das naheliegendste. Es ist egal, wo Sie anfangen, solange Ihnen dieser Impuls irgendwie stimmig erscheint. Auf die Stimmigkeit (und nur darauf) kommt es an. Oft entstehen dann kleine Brückenabschnitte, ohne dass wir es merken. Wenn das naheliegendste ist, die Küche zu putzen, dann tun Sie das. Wenn das naheliegendste ist, einen Roman zu lesen, dann tun Sie das. Wenn Sie erstmal lästige Routineaufgaben abarbeiten wollen, tun Sie das. Das alles schafft neuen Freiraum. Und wer weiß, wo Sie diese Dinge über hundert Verrenkungen, Ecken und Kehren schließlich hinführen… .

 

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