Tagebucheintrag

Träumen ist der erste Schritt

„Das, was ist, sagt Gendlin, ist nicht das Ergebnis eines schon fertigen Plans, einer logischen Formel, sondern etwas, das sich nach einer Ordnung fortsetzt, die nicht logisch, aber auch nicht willkürlich ist, einer Ordnung, die nicht schon irgendwo fertig formuliert herumliegt, nur darauf wartend, dass wir sie endlich entdecken, sondern einer Ordnung, die alles mitnimmt und darüber hinaus einen neuen Schritt fordert und ermöglicht.“
(Wiltschko, Focusing und Philosophie, S. 21)

„Die Schritte folgen nicht logisch, dennoch sind sie nicht diskontinuierlich. Jeder vorherige Schritt spielt eine Rolle beim Kommen des nächsten Schrittes, aber nicht so, als würde er seine Form dem nächsten Schritt aufzwingen. Wenn wir zurückgehen, um nachzusehen, was der vorangegangene Schritt war, sehen wir, dass der nächste Schritt den vorangegangenen verändert hat. Wenn wir vom nächsten Schritt zurückschauen, können wir den vorangegangenen Schritt so verstehen, dass der nächste Schritt folgen kann. Jeder Schritt macht den vorherigen neu, so dass er aus ihm folgen kann.“ (Gendlin, Focusing und Philosophie, S. 168)

„So kann man weder sagen, es sei alles undeterminiert und daher könne sein, was immer man wolle, noch kann man sagen, es sei alles schon geformt und schon geschehen. Es ist viel wunderbarer als das, denn es geschieht wirklich etwas, es geht etwas vor, es lebt etwas. Wenn nämlich alles schon determiniert wäre, so wie eine Geschichte, die schon geschrieben ist, und wir müßten das entsprechend der schon geschriebenen Geschichte einfach nur durchmachen, wäre das sehr langweilig. Und wenn alles nur erfunden wäre, wäre das auch langweilig.“
(Gendlin, unveröffentlichte Mitschrift eines Vortrags, Wien, 1996)

Ich habe eben ein eindrucksvolles Beispiel dessen erlebt, was Gendlin die „Fortsetzungsordnung“ nennt. Hier in Würzburg wird zur Zeit ein Theaterstück aufgeführt von Asylbewerbern, die sich selbst spielen. Das Stück zeigt ihre Situation in Deutschland. Man stelle sich vor: Menschen erleben in ihrem Heimatland, dass es da auf einer ganz existentiellen Eben kein Weiterkommen mehr für sie gibt. Nichts geht mehr – es kann sein, dass man umgebracht wird. Aber es gibt einen Ausweg: die Flucht. Ein Schritt in Richtung Leben. Dann sind diese Menschen mehrere Monate oder Jahre lang in Deutschland in einer Unterkunft untergebracht, auf der ihnen nur fünf Quadratmeter zustehen. Sie sind mit anderen Flüchtlingen, die sie nicht kennen, eingepfercht auf engstem Raum, dürfen die nähere Umgebung nicht verlassen, werden beständig von der Polizei kontrolliert. Eine unerträgliche Situation – nichts geht mehr. Viele werden depressiv. Einer von ihnen hat sich im Januar umgebracht. Aber für einige der anderen gibt einen Ausweg: sie stellen die eigene Situation auf der Bühne dar. Einer der Schauspieler beschreibt es so: wir dürfen im ersten Jahr nicht arbeiten, aber wir dürfen hier her kommen und das Theaterstück spielen. Ein Schritt in Richtung Leben. Am Ende des Stückes sitzen alle auf der Bühne und wollen Fragen des Publikums beantworten. Da viele die deutsche Sprache noch nicht gut beherrschen, ist das schwierig. Einer will etwas sagen, aber es gelingt ihm nicht. Man sieht, wie er mit sich ringt und es nicht ausdrücken kann. Nichts geht mehr. Da springt eine andere Schauspielerin ein, die besser deutsch kann als er. Sie drückt das aus, was er sagen will. Das Publikum hört zu und versteht. Man erkennt dies am Kopfnicken vieler der Zuhörer. Wieder ein Schritt in Richtung Leben.

Leben, das heißt: Schritte machen. Und seien sie auch noch so klein und scheinbar unbedeutend. Dinge tun, sagen, ausdrücken statt zu schweigen. Einen Freund besuchen, abends mal weggehen, die Sonne auf der Haut spüren. Von innen her handeln. So handeln, dass es sich ein klein wenig richtiger anfühlt, zu handeln, als nichts zu tun. Und immer dann, wenn eine Grenze kommt, weitermachen. Dennoch. Möglichkeiten finden. Manchmal gelingt das, und der Lebensprozess findet eine kleine Tür, durch die er weiter voranschreiten, sich fortsetzen kann. Manchmal gelingt das auch nicht, wie das Beispiel des Mannes, der sich umgebracht hat, zeigt.

Neue Schritte verändert die vorherigen Schritte, sagt Gendlin. Vielleicht erhält die leidvolle Geschichte der Flüchtlinge durch die Schritte, die sie hier in Deutschland machen, eine neue Bedeutung. Ich wünsche den Schauspielern, dass diese Möglichkeit, die sie sich hier geschaffen haben, wiederum neue Türen öffnet. Das ist alles andere als gewiss – ob etwa die Politik reagiert, ist nicht gesagt. Dennoch besteht Hoffnung, denn es kann jederzeit Schritte in Richtung Leben geben. Manchmal ganz unerwartet.

 

Der Traum vom Menschen
KHG Würzburg, Hofstallstraße 4, Würzburg
Sa, 17.11., 20 Uhr
So, 18.11., 20 Uhr
Eintritt frei
(freiwillige Spenden möglich)

 

 

 

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