Drei echte Paradoxien?

„Einerseits sind wir fest davon überzeugt, dass die Moral objektiv ist. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass wir uns keineswegs so verhalten, als wäre die Moral nur eine Setzung oder Projektion. Andererseits sehen wir nicht, wie die Moral objektiv sein kann. Das zeigt sich an den Schwierigkeiten, in die wir geraten, wenn wir die Objektivität der Moral verständlich machen wollen. Es ist doch nicht so, dass die Moral nur subjektiv ist, aber es muss doch so sein. Dieses ‚Es ist doch nicht so, aber es muss doch so sein‘ charakterisiert nach Wittgenstein die Natur philosophischer Probleme.“

(Gerhard Ernst, Denken wie ein Philosoph, S. 106)

 

Das Paradoxe, was Gerhard Ernst hier am Beispiel der Moral durchspricht, kenne ich auch. In den letzten Monaten sind mir in meinem Leben drei derartige Paradoxien über den Weg gelaufen, die auf echte philosophische Probleme hindeuten könnten. Ich möchte sie hier mal festhalten, damit ich von da aus weiter denken kann.

Nummer 1: Das „Beurteilen vs. Befreien“-Paradoxon
Wieso darf ich eigentlich auf die Vorderseite von Hausarbeiten, die Studierende mir an der Uni geben, drauf schreiben „sehr gut“? Eigentlich will ich doch, dass die Studierenden selbst denken lernen. Das ist doch mein Ziel. Sie sollen doch selbst reflektieren, eigene Urteile bilden und anhand ihrer eigenen Ideen Schlussfolgerungen ziehen und neue Handlungsoptionen entwerfen. Nehme ich ihnen nicht, in dem ich urteile und beispielsweise Noten vergebe, diese Möglichkeit, selbst zu denken? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass es unbedingt wichtig und sinnvoll ist, dass ich Hausarbeiten beurteile. Gerade dadurch helfe ich den Studis, besser zu werden und sich von Urteilen, die von außen über sie gefällt werden, zu befreien. Indem ich urteile, befreie ich von Urteilen. Das ist klingt merkwürdig, fühlt sich aber richtig an.

Nummer 2: Das „Einfach vs. Leicht“-Paradoxon
Wieso darf ich eigentlich sagen, dass ich Dinge, die mir gelingen sollen, gut anfühlen? Oft ist es doch so, dass die (für mich) richtige Handlungsoption die schwerste von allen ist. Ich probiere viele Dinge aus, teste verschiedene Handlungsoptionen an, wähle, scheitere oder verzweifle vielleicht sogar, und am Ende wähle ich dann den gerade Weg, dem ich am allerlängsten ausgewichen bin. Alles andere, was sich einfacher angefühlt hat, war nicht das richtige. Und gerade das Schwerste ist, wie sich im Nachhinein herausstellt, der leichteste Weg. Ich habe mich nur die ganze Zeit drum herum gedrückt. Das, was sich richtig anfühlt, scheint anfangs das schwerste zu sein. Und wenn ich es erstmal tue, wird es ganz leicht. Paradox ist das.

Nummer 3: Das „Erstmal vs. Jetzt“-Paradoxon
Wieso darf ich eigentlich Menschen guten Gewissens auf den langen Weg zum Psychotherapeuten schicken, damit er dort lernen kann, dass sich Leben immer „jetzt“ ereignet und eigentlich ganz einfach ist. Wieso dieser (scheinbare) Umweg? Denn wie ein Umweg kommt es mir wirklich vor: man muss erstmal sich anstrengen, Termine machen, lange Gespräche führen, Bücher lesen und so weiter,… und das alles nur, um irgendwann (vielleicht ganz plötzlich) zu bemerken, dass es sich immer „jetzt“ schon gut anfühlt, etwas Stimmiges zu tun. Auch hier glaube ich, dass dieser Weg zu dieser Erkenntnis nicht verkürzt oder abgeschnitten werden kann. Und der Weg muss auch immer wieder aufs Neue gegangen werden (bei mir selbst ist das ja auch so). Erstmal arbeiten und sich bemühen, führt dazu, dass ein Mensch bemerkt, dass arbeiten und sich bemühen gar nicht notwendig ist. Das ist das dritte Paradoxon.

Spannend, spannend. Paradoxien sind toll. Das alles fühlt sich an, als würde ich davon einen Knoten im Gehirn bekommen. Das heißt: ich werde das mal ruhen lassen. Und mal schauen, ob sich der Knoten im richtigen Leben von selbst auflöst. Als abschließendes Sahnehäubchen, der den Knoten völlig fest zurrt, setze ich noch meine Lieblingsparadoxie obendrauf: „Ignorieren Sie diesen Gedanken!“

 

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