Tagebucheintrag

Ich weiß, dass ich nicht viel weiß

Ich muss zugeben, philosophisch betrachtet bin ich ein Skeptiker. Sokrates ist mir zum Beispiel wesentlich sympathischer als Platon und Aristoteles. Sokrates sagte einfach: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ und fragte seine Mitmenschen danach, was sie denn wüssten. Dabei brachte er mit seiner Fragerei die Leute auf die Palme. Denn letztlich stellte er die Fragen so geschickt, dass er sein Gegenüber immer mehr in die Enge trieb. Wenn er etwa fragte „Was ist Gerechtigkeit?“, dann antworteten seine Mitmenschen mit Beispielen, versuchten Definitionen und so weiter. Sokrates fragte jedoch immer weiter seine „Was ist…“-Fragen, die sich dann eben auf die Definitionen bezogen – und irgendwann war der, der antworten sollte, sprachlos.

Das Ganze ist ein bisschen wie bei Kindern, die ihre Eltern fragen: „Warum ist der Himmel blau?“ -„Das ist, weil sich das Licht in der Luft bricht.“ – „Was heißt brechen?“ – „Da sind kleine Wassertröpfchen und so weiter in der Luft. Die machen, dass der Himmel blau wird.“ – „Warum machen die das?“ – „Das ist physikalisch.“ – „Was heißt physikalisch?“ – „Na ja, das heißt, dass sich die Wellenlänge verschiebt.“ – „Was ist Wellenlänge?“  – „Wellenlänge… das ist wie am See, lange Wellen haben andere Farben als kurze Wellen.“ – „Wellen haben doch keine Farben… die sind alle blau.“ – „Doch, beim Licht haben die schon andere Farben.“ „Warum?“ … Irgendwann wird es den Eltern zu bunt. Dann sagen sie einfach: „Das ist halt so.“(*)

Kein Wunder, dass die Mächtigen seiner Zeit Sokrates zum Tode verurteilten. Denn Schüler, die hinterfragen lernen, lernen auch, Macht zu hinterfragen.

Mir scheint, Sokrates‘ Schüler Platon konnte diesen Zustand der Sprachlosigkeit, den sein Lehrer hinterlassen hatte, kaum aushalten. Zu wissen, dass ich nichts weiß – oder, sagen wir mal, dass mein Wissen zumindest immer lückenhaft und begrenzt ist, ist doch irgendwie blöd. Das soll Weisheit sein? Platon erfand deshalb, quasi als Kompromiss, die Ideen. Sein Höhlengleichnis ist bis heute berühmt und beschreibt in einer kleinen Geschichte, dass wir quasi als Otto Normalathener gar nicht alles wissen können.

Er dachte sich: na ja, wenn ich schon nicht klar definieren kann, was Gerechtigkeit ist, dann sage ich halt, es gibt die Idee der Gerechtigkeit, aber wir alle haben nur ein Stück weit an ihr teil. Damit war er aus dem Schneider – er musste nicht mehr sagen, dass er nichts weiß, brauchte aber auch nicht klar zu definieren, was er wusste. Es gibt so etwas wie jenseitige Ideal-Bilder, die wir sowieso nicht erreichen können und deswegen gar nicht zu hinterfragen brauchen.

Zwar hatte er damit ein Problem gelöst – das Dumme ist, dass er sich damit gleich eine ganze Reihe neuer Probleme eingehandelt hat. Eines der wichtigsten dieser neuen Probleme war, dass er nicht sagen konnte, wie die Ideen mit den Dingen, die uns umgeben, eigentlich zusammenhängen. Auch wenn er selbst darüber lange nachdachte, war es doch erst sein Schüler Aristoteles, der dieses Problem löste. Der sagte dann, dass es gar keine Ideen gäbe, die wir nicht erreichen können, sondern es gäbe statt dessen so etwas wie die „Form“, die sich in der jungfräulichen, formbaren Materie verwirklicht, und damit die Dinge erschafft. Das ist so ähnlich wie Ideen, aber die Form ist nicht jenseitig, sondern liegt einfach in den Dingen selbst .

Damit war auch er aus dem Schneider, hatte er doch Platons Problem gelöst. Und doch gibt es auch jetzt wieder neue Probleme.

Alfred North Whitehead schrieb einmal, Philosophie sei eigentlich eine Aneinanderreihung von „footnotes to Plato“. Denn Aristoteles‘ Gedanken wiederum rief andere Leute auf den Plan, die dann wiederum Probleme bei Aristoteles lösen wollten. Und das wiederum regte andere an, die dann daraus resultierende Probleme lösen wollten und so weiter und so fort. Fußnoten von Fußnoten von Fußnoten von Fußnoten von Fußnoten. Am Anfang jedoch steht Sokrates mit seinem „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Und das macht mich, wie ich anfangs beschrieb, zu einem Skeptiker. Denn auch ich glaube, dass unsere Wissenssysteme immer unvollständig bleiben müssen. Statt „So ist es!“  finde ich das „Was ist…?“ viel spannender. Ich bin auch kein Skeptizist, der glaubt, dass wir grundsätzlich gar nichts erkennen können. Und ich teile auch nicht die Auffassung von Karl Popper, der sagt, dass wir uns durch unsere Fehler emporirren und uns damit doch asymptotisch der Wahrheit annähern. Ich glaube, dass wir einfach verschiedene, abgegrenzte Dinge beschreiben. Mehr nicht. Das große Ganze können wir nicht erkennen. Denn dafür ist unser Gehirn nicht gemacht.

Na, regt sich da jetzt bei Ihnen als Leser oder Leserin ein Widerspruch? Herzlichen Glückwunsch, dann sind wir auf dem besten Weg, zu der bisherigen Reihe von Fußnoten weitere Fußnoten hinzuzufügen!

 

(*) Übrigens kommen auch Physiker irgendwann an eine solche Grenze, an der sie eigentlich sagen müssten „Das ist halt so“. Sie drücken es nur vornehmer aus und sagen statt dessen „Das wissen wir bis jetzt noch nicht, aber unsere Forschung macht große Fortschritte…“. Zumindest habe ich diesen Eindruck, wenn ich  z.B. die Bücher von Stephen Hawking lese.

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