Tagebucheintrag

Embodiment gab es schon in der Antike

 

Folgender Text ist mehr als zweitausend Jahre alt:

Erstlich behaupt ich, der Geist [animus], wir nennen ihn öfter auch Verstand, in dem unseres Lebens Beratung und Leitung den Sitz hat, ist nur ein Teil von dem Menschen, so gut wie die Hand und der Fuß ist oder auch das Auge ein Teil des ganzen lebendigen Wesens.[…]

Nicht nur der Geist, auch die Seele weilt in den Gliedern, […] Geist und Seele [anima] (behaupt ich nun weiter) sind innig verbunden untereinander und bilden aus sich nur ein einziges Wesen. Doch ist von beiden der Herrscher und gleichsam das Haupt in dem ganzen Körper die denkende Kraft, die Geist und Verstand wir benennen, und die nur in der Mitte der Brust den beständigen Sitz hat.[…]

Über den ganzen Körper jedoch ist die übrige Seele ausgebreitet. Sie regt sich gehorsam dem Winke des Geistes. […]

Leicht kann da ein jeder erkennen, Seele sei innig verbunden mit Geist. Wenn dieser die Seele anstößt, lenkt sie den Stoß auf den Körper und streckt ihn zu Boden. Eben derselbe Beweis lehrt klar, daß ein körperlich Wesen Geist wie Seele besitzen. Sie geben den Gliedern Bewegung, wecken den Körper vom Schlaf und verändern die Züge im Antlitz, ja man sieht, daß sie gänzlich den Menschen regieren und lenken. Da sich nun, wie wir erkennen, nichts hiervon ohne Berührung kann vollziehen und Berührung nicht ohne den Körper, so muß man auch für den Geist und die Seele ein körperhaft Wesen behaupten.

(Lukrez, Von der Natur, Buch III, Vers 94-167)

Das, was Lukrez da beschreibt, ist ja schon ein paar Jahre alt. Dennoch teilen wir es in seinen Grundzügen noch heute. Die moderne Forschung des Embodiment beispielsweise hat gefunden, dass unser Denken genuin körperlich ist. Auch das RIM (Strack und Deutsch, 2004), ein Grundlagenmodell der Sozialpsychologie, geht von zwei verschiedenen Systemen aus, einem willentlich steuernden Verstandessystem und einem impulsiven System, das vom Verstand aktiviert werden kann.

Interessant ist, dass das RIM der „anima“, also dem impulsiven System, mehr Eigenständigkeit zutraut, als Lukrez. Automatische Prozesse laufen ab und bewirken Verhalten, ohne dass wir dies bewusst intendieren. Weiterhin interessant finde ich, dass der Verstand bei Lukrez im Brustbereich lokalisiert wird. Heutzutage sagen wir ja eher, das verstandesmäßige Denken geschehe im Kopf.

Vielleicht waren die antiken Menschen bei dem, was sie taten, weniger analytisch und beherzter, als wir es sind.

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