Tagebucheintrag

Hat ein Ökosystem ein Bewusstsein?

Ich beschäftige mich gerade mal wieder vertieft mit dem Prozess-Modell, dem Hauptwerk des Philosophen Gene Gendlin. Darin beschreibt er lebendige Prozesse, die aus sich selbst heraus leben. Diese Lebendigkeit ist grundsätzlich ohne Bewusstheit möglich – auch Pflanzen etwa sind im Prozessdenken nicht Automaten, die rein mechanisch funktionieren, sondern lebendige Prozesse, die sich selbst gewissermaßen von innen her fühlen und aus diesem Fühlen heraus weiter entwickeln können. Denkt man eine Pflanze prozesshaft, so ist sie mit ihrer Umwelt bis ins Innerste hinein verwoben – es lässt sich nicht sagen, wo die Pflanze aufhört, und wo die Umwelt anfängt… an der Blattgrenze? Im Inneren der Wurzeln, durch die die Nährstoffe aufgenommen werden? Oder erst im Inneren des Blattes, in welches die Nährstoffe transportiert wurden? Oder auch im Boden, um die Pflanze herum, auf dem die Blätter fallen und vermodern und zu Humus werden? Als äußerer Beobachter können wir diese Grenze definieren, einfach durch das „Skalpell“ unseres analytischen Blickes; aus dem lebendigen Prozess der Pflanze heraus jedoch ist eine Grenze nicht so leicht definierbar.

Soweit, so gut. All diese Prozesse kommen ohne Bewusstsein im herkömmlichen Sinne aus. Erst in den späteren Kapiteln des Prozess-Modells leitet Gendlin Bewusstsein her, wie wir es beim Menschen kennen, … bei all dem frage ich mich, ob es in anderen Systemen nicht doch auch ein Bewusstsein geben kann, eines nur, dass wir als Menschen nicht wahrnehmen können. Oder vielleicht können wir es sogar wahrnehmen. Vielleicht waren Sie schon einmal an einem Ort, der eine Seele hatte. Eine Gruppe von Bäumen, ein altes Gemäuer, ein dichter, verschlungener Wald oder ein stiller Bergsee. Manchmal wenn ich in der vom Menschen unveränderten Natur bin (etwa in Norwegen), habe ich das vage Gefühl: Da ist etwas. Ist diese „Seele“ nicht so etwas wie ein sich selbst fühlendes Miteinander aller verwobenen Prozesse zugleich, die an diesem Ort ineinander und miteinander ablaufen? Ein alles-durch-alles, das durchaus auf unerkennbare Art geordnet in eine bestimmte Richtung geht? Könnte man das nicht auch „Bewusstsein“ nennen?

Die alten Geschichten, die wir als Kinder gelesen haben, sind voll von diesen Phänomenen. Da gab es Baumgeister und heilige Orte, böse Wälder und lachende Bächlein. Nimmt man eine Trennung von (toter) Materie und (lebendiger) Seele an, wie dies in dualistischen Weltbildern wie dem unseren der Fall ist, so kann man diese Phänomene lediglich als menschliche Projektionen bezeichnen. Denkt man die Natur jedoch durch und durch prozesshaft, so ist jegliche Materie bereits selbst bis ins Innerste hinein lebendig. Dann gibt es nichts Totes, was erst nachträglich beseelt werden muss. Dann ist solch ein Ort selbst schon von vornherein Seele und Leben. Würde das nicht bedeuten, dass wir mit der Begradigung von Flüssen und dem Abholzen der europäischen Urwälder mehr verloren haben, als nur die Arten, die dadurch keinen Lebensraum mehr fanden? Ein Nutzwald hat keine Seele, so wie der Märchenwald der Gebrüder Grimm. Es sei denn, man lässt ihn wachsen und wuchern. Dann kommt sie vielleicht zurück.

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One Comment

  • Anke

    Lieber Tony,
    Du sprichst mir aus der Seele! Klar kenne ich das …
    Erst in der vergangenen Woche habe ich so etwas Beseeltes in einer bayrischen Dorfkapelle, die 1520 von den Frauen aus dem Dorf erbaut wurde, erlebt. Ein Kraftort, allein schon wegen des organischen Raumgefühls, der Gewölbebögen, die natürliche organische „Knubbeligkeit“ und geometrische kosmische Rhythmen zu vereinen scheinen (mich würde nicht wundern, wenn dort der goldene Schnitt messbar wäre). Dort „lebt“ etwas!
    Ein anderes Beispiel: wenn ich mich den Bäumen im Wald nähere – im Sinne von: dass ich sie als Wesen wahrnehme – dann habe ich manchmal das Gefühl, als würden sie mich umfangen oder irgendwie mit ihrer Aura umgeben, als würden Sie irgendwie antworten auf meinen Kontaktversuch. Das mag jetzt ein bisschen arg esoterisch oder zumindest wunderlich klingen – ich nehme es aber ganz deutlich wahr – immer wieder …
    Herzliche wunderliche Grüße,
    Anke

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