Tagebucheintrag

Grenzen der Logik

Sind philosophische Fragestellungen wirklich Scheinfragen, wie die Sprachphilosophie behauptet?

 

Das grundlegend Neue in der modernen Sprachphilosophie ist die Idee, dass die existentiellen Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest, die Fragen also, was beispielsweise ein sinnvolles Leben ausmacht, Scheinfragen sein könnten.

Während Klassiker wie Aristoteles, Platon oder Sokrates noch versuchten, auf die ein oder andere Art eine Antwort auf diese Fragen zu finden (und selbst wenn das bedeutete, dass die Antwort lautete, dass keine Antwort gefunden werden könne, wie im Fall von Sokrates), so stellen modernere Philosophen die ganze Fragerei selbst in Frage. So sagte etwa Rudolf Carnap Anfang des 20. Jahrhunderts, dass unsere Sprache, mit deren Hilfe wir die Fragen stellen, einfach nicht logisch sei. Das sei der eigentliche Grund dafür, dass sich in der Philosophie bestimmte Scheinprobleme ergäben, die dann viel Diskussion nach sich zögen. Das eigentliche Problem läge deshalb ganz woanders: Wäre unsere Sprache durch und durch logisch, so könnten wir diese Scheinfragen gar nicht erst formulieren und es gäbe sie nicht.

Mir scheint, dass er und seine Kollegen vom sog. Wiener Kreis damit einen Kern trafen, der bis heute unsere moderne Welt durchzieht. Logik ist auch heute, einhundert Jahre später, noch das oberste Gebot. Sie können einen Menschen in einer Diskussion sehr schnell mundtot machen, wenn sie zeigen, dass seine Argumentation nicht logisch-schlüssig ist. Was hat man dem dann noch entgegen zu setzen?

Dabei ist Logik nicht das einzig Wahre. Es gibt neben dem Nicht-Logischen auch das Noch-Unschlüssige, das noch-nicht-Logische, oder man könnte auch sagen, das mehr-als-Logische. Das ist ein ganz alltäglicher Vorgang, den jeder von uns kennt. Kennen Sie Momente, in denen Sie bemerken, dass etwas zwar logisch ist, sich aber dennoch nicht richtig anfühlt? Wenn Sie in solchen Augenblicken eine Entscheidung treffen müssen, worauf verlassen Sie sich – auf Ihren Kopf, oder auf den Bauch? Logisch nicht erklärbare Bauchentscheidungen sind oft besser als die logisch begründbaren Kopfentscheidungen.

Ein Negativbeispiel für die folgenschwere Mißachtung von vagen, unlogischen Gefühlen ist die Finanzkrise. Die klassischen Modelle der Finanzmathematik sind in sich logisch und berechenbar. Und doch konnten sie die Finanzkrise nicht vorhersehen. Sie waren so glatt, so in sich geschlossen, dass die Entwicklungen, die zum Crash der Banken im Jahr 2008 führten, nicht vorhergesehen werden konnten. Die Finanzkrise ist jedoch kein Scheinproblem. Nur, weil ihre komplexen Abläufe nicht zu den logischen, mathematisch abgesicherten Theorien passen, heißt das nicht, dass sie nicht existieren würde.

Logik ist nicht alles. Vielleicht kann man aus all dem schlussfolgern, dass man nicht zu vorschnell sein sollte mit der Abschaffung der großen philosophischen Probleme. Vielleicht sind sie nicht logisch, und doch sind sie keine Scheinprobleme. Wirklich logisch sind nur Computer, moderne Rechenmaschinen, die nicht fühlen, keine Intuitionen, Sehnsüchte und Bedürfnisse spüren können, so wie wir. Unsere Bedürfnisse erscheinen uns oft unlogisch, und doch, so spüren wir am Ende, sind sie es letztlich fast nie.

Gut also, dass wir nicht nur in abstrakten Zahlenmodellen denken können, wie die Computer, sondern auch über unsere unlogische menschliche Sprache verfügen, um das Unlogische, was uns im Innersten bewegt, in vage, aber (manchmal) als zutiefst richtig empfundene Worte fassen zu können.

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