Tagebucheintrag

Was mir gelingen soll, kann ich (anfangs) noch nicht benennen.

Gerhard Ernst schreibt in seinem Buch „Denken wie ein Philosoph“ davon, dass es Dinge gibt, die ein Leben gelingen lassen können (S. 38). Das finde ich interessant. Mir scheint, dass etwas, das einem Menschen gelingt, etwas völlig anderes ist, als ein Ziel, das man erreicht. Ein Ziel, das ich anstrebe, habe ich direkt im Blick. Das Ziel ist klar benennbar. Alle auf das Selbstmanagement bezogenen Psychotherapieansätze gehen von solchen explizit formulierten Zielen aus. Beim gelingenden Leben hingegen habe ich auch ein Ziel, aber es ist nicht klar benennbar. Ich spüre: das, was ich tue und vorhabe, läuft auf etwas Sinnvolles hinaus. Es fühlt sich richtig an, das zu tun. Aber ich kann es nicht explizit benennen. Es entsteht erst, während ich es zu erreichen versuche. Das Ziel, das ich anstrebe, liegt also lediglich implizit in meinem Bauchgefühl vor – als vage, dunkle Vorahnung, dass das, was ich da vorhabe, irgendwie gut sein könnte.

Spannend ist auch, dass ich bei beiden Varianten von Zielen, den impliziten wie den expliziten Zielen, Schritte machen muss in Richtung des Ziels. Vielen von uns fällt das leichter, wenn es um explizite Ziele geht. Ein Beispiel: ich will diesen und jenen Studienabschluss erreichen. Dafür muss ich diese und jene Prüfung schreiben, diese und jene Hausarbeit abgeben und so weiter. Alles abhakbar. Alles klar formuliert in Prüfungsordnungen. Es gibt jedoch immer auch implizite Ziele, die ich erreichen will, und die nicht minder wirksam sind. Warum will ich das überhaupt studieren? Ich finde das Fach interessant, mag man darauf antworten. Aber liegt in dem Interesse für ein Fach nicht auch schon ein Ziel verborgen? Eines, das ich jetzt noch nicht mit Worten benennen kann? Wenn ich jedoch beginne, mich näher mit dem Fach zu beschäftigen, so mache ich mich auf den Weg dorthin. Das sind auch Schritte. Nur sind sie eben nicht so geradlinig vorhersehbar wie die Prüfungen, die mir eine Studienordnung vorschreibt. Dennoch mache ich mich auf den Weg dorthin. Dorthin, das heißt, ich laufe los, auf das implizite Ziel zu, das mir vorschwebt, aber das ich (noch) nicht fassen kann.

Spannend ist auch, dass wir manchmal Menschen begegnen, die irgendeine Resonanz in uns auslösen. Wir spüren: es wäre doch interessant, sich mit diesem oder jenem Menschen mal näher einzulassen. Sich mit ihm auszutauschen, einander Fragen zu stellen oder einander vom Leben zu erzählen. Auch, wenn es keine explizit formulierbaren Ziele gibt, die man mit diesen Menschen verfolgt, liegt doch etwas implizit-spürbares in der Luft, das es wert sein könnte, zu erkunden. Wenn das, was da in der Luft liegt, sich irgendwie gut anfühlt, dann kann es sein, dass es dazu beiträgt, dass das eigene Leben gelingt.

One Comment

  • Harald Möller

    Danke, das ist ein weiterführender und wichtiger Gedankengang, der den Menschen unabhängig machen kann von verordneter Lebensplanung hin zum Glückserlebnis aus eigener Kraft unter Berücksichtigung seiner eigenen inneren Ziele.

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