Tagebucheintrag

Aus sich heraus (Ernst Bloch)

Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.

Das Bin ist innen. Alles Innen ist an sich dunkel. Um sich zu sehen und gar was um es ist, muss es aus sich heraus. Muss sich heraus machen, damit es überhaupt erst etwas sehen kann, sich unter seinesgleichen, wodurch ein Ich bin, als nicht mehr an sich, zu einem Wir wird. Und draußen geht dem An-sich das Um-uns auf, worin Menschen stehen und unter, neben oder über ihnen Dinge. Als mehr oder minder abstoßende, mehr oder minder anziehende Fremdlinge zuerst; sie müssen so, was keineswegs selbstverständlich, erst gelernt werden. Dieses lernen bewegt sich völlig im Außen, ist darin fahrend und so erst erfahrend und so auch erst, mittels des Draußen, das eigene Innen selber erfahrend. Der Mensch besonders ist auf diesem steten Weg nach außen angewiesen, damit er überhaupt nur wieder auf sich zurück kommen könne und so bei sich gerade die Tiefe finde, die nicht dazu ist, dass sie in sich ungeäußert bleibe. Das bloße Bin muss, damit es seiner auch nur empfindlich werde, sich Etwas von draußen anziehen. Auch im übertragenen Sinn ist der Mensch in seiner eigenen Haut nackt geboren, und bedarf fremder bekleidender Stoffe, um sich genau in seiner eigenen Nähe zu wärmen, ja zu betonen. Vom puren Innen ist kein einziges Wortbild gekommen, dass uns übers innerste sprachlose Ansich hinaus sprechen lässt und eben äußert. Dagegen Worte wie: eng, tief, warm, dunkel, hell, dichtes Vergessen, offenes Aufdämmern, der innere Weg selber: alle diese sind aus Äußerem gezogen und dann erst das Innere durchscheinend. So merkt sich alles Innen erst über das Außen; gewiss nicht, um sich dadurch zu veräußerlichen, wohl aber, um sich überhaupt zu äußern. Anderenfalls es das Einsame bliebe, ohne jedes Mit-uns, das nicht Man, sondern Wir heißt, und ohne jenes Um-uns, dass immerhin Topferde für die menschliche Pflanze, Rohstoff für das menschliche Haus wurde und wird. Dann erst wird dasUm-uns von innen her bedacht, damit es dadurch immer näher komme. Also gerade auch dem Menschen immer weniger fremd sein könne. Dazu sind wir unterwegs und gehen durchaus mit uns selber heraus.

Bloch, E. (1967), Tübinger Einleitung in die Philosophie I, Frankfurt am Main: Suhrkamp. (S. 11f.)

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