Freiraum und Kooperation

Es gibt viel zu tun, wenn man ein kreatives Leben führt. Und zwar immer. Ich glaube, es ist hilfreich, das auf einer tieferen Ebene zu verstehen. Dieses Viel ist eine Gegebenheit, die nicht mehr weggehen wird. Denn wenn ich im Modus des „carrying forward“ lebe, kann ich nie fertig werden mit den Dingen, die zu tun sind. Selbst wenn ich wollte. Die Dinge, die bereits getan wurden, gebähren ihre eigenen Kinder. Und die Kinder sind immer mehr als die Eltern. Sie enthalten mehr Komplexität, sind in sich verwickelter, intrikater. Sie implizieren ihre eigene Fortsetzung, kreuzen sich untereinander, kreuzen sich mit der Welt. Der kreative Prozess findet kein Ende. Er kann kein Ende finden.

Ein Erleben von zu viel entsteht dann, wenn ich dabei meinen inneren Freiraum verliere. Auch hier ist es hilfreich, dies auf einer grundlegenden Ebene zu verstehen. Das Risiko eines kreativen Lebens liegt darin, dass ich nie so richtig Feierabend habe. Dabei ist so ein Leben zugleich auch aufregend, Kreativität ist bei mir meistens begleitet von einem lustvollen Erleben. Ich bin gerne kreativ, arbeite gerne an Texten, Konzeptionen, Inhalten für Seminare und an Websites. Ich finde Erfüllung in dem, was ich tue.

Und: Ich trage zugleich das Risiko, mich in dem, was ich tue, zu verlieren. Dann bin ich die Tätigkeiten, bin selbst gar nicht mehr so richtig da. Das ist die dunkle Seite des Flow. Ich gebe zu, ich gehe in solchen Momenten manchmal „schlampig“ mit meinem inneren Freiraum um. Lese und beantworte noch Mails, obwohl ich eigentlich schon richtig müde bin. Ich merke die Müdigkeit dann nicht so richtig, ignoriere sie. Lasse mich lenken und in Anspruch nehmen, von den Aufgaben, anstatt sie selbst zu definieren und zu begrenzen.

Ich merke in letzter Zeit: So geht das nicht. Zwei Schlussfolgerungen ergeben sich, dies lerne ich gerade:

Goldene Regel #1: Gib Verantwortung ab, delegiere Aufgaben, lass Dich unterstützen. Es gibt mittlerweile eine Reihe von Menschen, die kleinere Arbeiten für mich übernehmen. Ich bin ihnen sehr dankbar dafür. Sie ermöglichen mir, mich auf das Wesentliche zu kontentrieren, die Fäden in der Hand zu behalten, um gemeinsam etwas zu reißen. Auf diese Weise voran zu kommen macht einfach richtig Spaß.

Goldene Regel #2: Freiraum kommt vor allem anderen. Wenn das Freiraum-Erleben verschwindet, halte inne und schaffe Möglichkeiten dafür, dass Du wieder zu Dir kommst. Koch Dir eine gute Tasse Tee, gehe auf den Balkon oder plaudere ein bisschen mit der Kollegin. Mach Sport, meditiere, mach Yoga. Spüre Deinen Körper. Und schaff Raum auch für ganz andere Dinge. Arbeit ist nur das halbe Leben – die andere Hälfte will auch gefüllt werden.

Beides gehört für mich zusammen: Freiraum und Kooperation. Je mehr Freiraum ich finde, desto stimmiger kann ich in beruflichen Beziehungen auf die relevanten Details eingehen. Und je mehr ich mich unterstützen lasse, desto mehr Freiraum erlebe ich. Beides geht also Hand in Hand – diese Haltung lässt sich einüben, kultivieren. Dann klappt es auch, mit dem kreativen Leben.

 

Sinn-Bild #411 – Das kreative Leben

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