Tagebucheintrag

Ein klarer Schnitt: Do it!

So we see that if we make linear time prior,
we artificially cut everything into positional units
and we make it impossible for anything to have its own activity.

(Gene Gendlin)

 

Lineare Zeit, so sagt Gendlin, ist dünner als das, was wir erleben und was im Universum tatsächlich vor sich geht. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, abgetragen auf einem linearen Zeitstrahl, sind ein menschliches Konstrukt, mehr nicht. Dennoch geschieht etwas. Es gibt Zeit. Gäbe es sie nicht, so würde alles zugleich geschehen, und das ist ja offenbar nicht der Fall. Aber Zeit ist mannigfaltiger, als wir denken. In seinem Kapitel über die Zeit (1997) wagt er deshalb ein spannendes Gedankenexperiment. Ich möchte Sie mitnehmen, liebe Leserin, lieber Leser, auf die Reise zu einer anderen Vorstellung davon, was Zeit (auch) sein könnte.

Das Experiment lautet: was wäre, wenn es keine lineare Zeit gäbe? Was wäre, wenn es gar keine allgemeinverbindliche Zeit gäbe, die überall gültig ist? Was wäre, wenn das Universum kein rahmengebendes Uhrwerk wäre? Ein Uhrwerk, das mechanisch ein Förderband von Sekunden und Minuten und Stunden (definiert durch die Anzahl von Atomzerfällen) antreibt, von dem wir automatisch weitergetragen werden? Können wir uns ein Universum ohne dieses Förderband vorstellen? Können von ihm herabsteigen, drauf schauen und merken, dass wir es uns nur ausgedacht haben? Können wir erkennen, dass es etwas Künstliches ist? Und: Können wir neben dem Förderband leben, auf der blanken, fruchtbaren Erde? Können wir auf dieser Erde selbst voranschreiten, aus eigener Kraft? Ein Voranschreiten auf der Erde, das hieße: Leben ohne lineare, mechanische Zeit. Leben, das seine eigenen Zeiten hat, in jeder kleinsten Facette. Leben, das nach Lust und Laune voranschreitet. Was also wäre, wenn statt mechanischer Gleichförmigkeit lebendige Prozesse die Grundlage der Zeit wären? Prozesse sind das, was vor sich geht. Das, was passiert. Das, was sich ereignet. Das, was wächst und gedeiht. Und stirbt. Alles, was mit allem anderen verwoben ist. Alles, was lebt. Es ist ein merkwürdiges Bild, das ich da zeichne. Ein buntes Universum wäre das, vergleichbar einem wuchernden Treibhaus. Jegliches Leben hätte in diesem Treibhaus seine eigene Aktivität, seine eigene Zeit.

Ich denke, so fern von der Realität ist dieses Bild gar nicht. Peter Heintel, Professor an der Universität Klagenfurt, beschreibt etwas ganz Ähnliches, wenn er von der „Eigenzeit“ eines jeden Lebewesens spricht. Alles, was lebt, verhält sich nicht nach der Linearität gemessener Zeit. Es „pulsiert“, hat Beginn, Ende, Höhepunkt, läßt sich nur als Szene, als Gestalt beschreiben. (S. 89). Das kennen wir auch aus dem täglichen Leben. Heintel beschreibt ein Beispiel aus seiner Lebenswelt: Bei einer der ersten Zeitumstellungen traf ich frühmorgens meinen Nachbarn. Er ist Landwirt. Diesen Morgen sah er irgendwie ärgerlich und unfreundlich vor sich hin. Ich sah mich veranlaßt, ihn nach der Begrüßung zu fragen, wie es ihm so ginge, was er hätte. „Ach“, meinte er, „nichts Besonderes, nur diese verdammte Sommerzeit.“ Ich drückte mein Verständnis aus, war es doch auch mir nicht ganz leicht gefallen, eine Stunde früher aufzustehen, meinte aber, wir würden uns schon daran gewöhnen. „Wir schon“, sagte er, „nicht aber das Vieh.“ Dieses brauche jeweils sechs Wochen mindestens (ebd., S. 90f.). Vielleicht fällt Ihnen ein eigenes Beispiel ein. Wo in ihrem Leben haben Sie einmal ganz deutlich bemerkt, dass Ihre eigene innere Uhr ganz anders tickt als die Ihrer Mitmenschen?

In einem lebendigen, nicht-mechanischen Universum ohne lineare Zeit können jederzeit  neue Dinge entstehen, denn nichts ist deterministisch vorgegeben. Und das, was entsteht, ist grundsätzlich relativ und auf einer absoluten Ebene nicht verstehbar. Nehmen Sie beispielsweise die Geschichte. Normalerweise denken wir ja, dass Geschichte einfach das ist, was sich in der Vergangenheit ereignet hat. Der Brennpunkt des „JETZT!“ rückt auf dem linearen Zeitstrahl unerbittlich und gleichmäßig vorwärts, und alles was links des Brennpunkts liegt, ist Geschichte. Soweit die alte Definition. Wenn wir jedoch behaupten, dass der lineare Zeitstrahl gar nicht existiert (außerhalb unseres künstlichen, einteilenden Denkens), dann ist es so einfach nicht. Vergangenheit wird dann plötzlich lebendig und unendlich komplex. Auch dies ist gar nicht so fern von dem, was wir aus unserer Erfahrung kennen. Unterhält man sich beispielsweise mit Geschichtswissenschaftlern, so wird klar: es gibt eine unendliche Fülle von be-denkens-werten Aspekten, die auf der linearen Zeitachse links des künstlichen Brennpunkts der Gegenwart liegen müssten. Was davon ist nun Geschichte? Alles? Wäre das so, so könnte man nie und nimmer wissenschaftlich aufarbeiten, was geschehen ist, weil man gar keinen Überblick hätte. Statt dessen wählen wir bestimmte Aspekte der Vergangenheit aus und heben diese hervor aus dem Fluss des Ereignisstromes. Der Clou dabei: wir wählen gerade die Aspekte, die die Situation der Gegenwart konstituieren, aus der heraus wir wählen. Gendlin nennt dieses Phänomen „Schematized by Schematizing“ (sbs): What a historical event really was becomes retroactively determined by how subsequent events develop its significance. The Bosnian war is part of what the Fall of the Austrian Empire „was.“ The event of its fall is sbsed by current events (S. 67).

Die Vergangenheit wird schematisiert, indem sie das, was Gegenwart ist, schematisiert. Die vergangenen Ereignisse verschwimmen nicht zu einem grauen Brei, da sie die Gegenwart schematisieren, welche wiederum aufgrund der Vergangenheit nicht beliebig ist. Gegenwart und Vergangenheit sind also so eng verzahnt miteinander, dass man sie nicht voneinander trennen kann.

Das Gedankenexperiment geht noch weiter. Gendlins Universum ist ein unendlich komplexes Ineinander-Verwobensein mannigfaltiger lebendiger Wesen. In solch einem bunten Universum bis aufs Feinste interagierender Prozesse gibt es so etwas wie eine Fülle von individueller und je-eigener Intentionalität. Was lebt, wünscht, sehnt sich, will. Auch Menschen wünschen, sehnen sich, wollen. Folgt man Gendlins Sbs-Idee, so ist auch das, was wir selbst wollen, geformt durch das, was war. Und was war, formt sich gerade durch das, was wir wollen. Auch unsere persönliche Vergangenheit schematisiert unsere Gegenwart, indem unsere Gegenwart unsere persönliche Vergangenheit schematisiert und umgekehrt.

Dieses schematisierende Schematisieren ist ein nicht endenwollendes, zutiefst in sich selbst verwobenes Vorsichgehen. Wir sind zutiefst darin gefangen und zu Hause. Wollen wir unsere Zukunft lebendig gestalten, lohnt es sich manchmal, inmitten all der schematisierenden Schematisiererei einen klaren Schnitt zu machen: dadurch verhindern wir, dass die ihm innewohnende Eigen-Aktivität immer weiterläuft. Wir können frische Luft schnappen und etwas verändern.

Derartige Schnitte kann man im Grunde genommen beliebig setzen. Das Ende eines Semesters an unseren Universitäten ist solch ein Schnitt. Oder Geburtstage, wiederkehrende Ereignisse in unserem Leben, die wir an der vollen Erdumrundung um die Sonne (=1 Jahr) festmachen. Im Grunde genommen ist es völlig egal, wo wir den Schnitt setzen. Wichtiger ist: durch unsere Entscheidung, zu schneiden, erhalten wir die Gelegenheit, innezuhalten. Wir können die wirkende Eigenaktivität schematisierender Schematisierungen unterbrechen und unser Leben neu bedenken. Wir erkennen im Schnitt an, was ist. Und erst auf dieser Grundlage wird es uns möglich, ehrlich zu fragen: Was ist wirklich wichtig? Wie sehe ich das, was vergangen ist? Unter welchen neuen Gesichtspunkten könnte ich es betrachten? Was für ein neues Gefühl entsteht dabei? Indem wir das, was „bis“ zum Schnitt „war“, zulassen, erlauben wir Veränderung. Wir schematisieren neu. Wir re-schematisieren. Wir updaten unsere schematisierenden Schemata.

Auf diese Art können wir „jederzeit“ unsere Verwobenheiten öffnen und die sich daraus abzeichnende Zukunft selbst in die Hand nehmen. „Der Akt ist der Ausdruck von Freiheit“, sagt Sartre (1962, S. 557). Probieren Sie es aus. Halten Sie inne, erkennen Sie an, was ist und handeln Sie frisch: Jetzt!

 

Literatur:
Gendlin, E.T (1997): A Process Model. New York: Focusing Institute.
Heintel, Peter (1999): Innehalten. Gegen die Beschleunigung – für eine andere Zeitkultur. Orig.-Ausg. Freiburg im Breisgau u.a: Herder.
Sartre, Jean-Paul (1962): Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie. 1. Aufl. Hamburg]: Rowohlt Verlag.

2 Comments

  • Evelyn

    Deine Gedanken sind sehr hilfreich und schön.Vielen Dank dafür. Aber ich finde ein bisschen befremdlich, dass du an ein „Sie“ schreibst.Du kennst die meisten deiner Leser bestenfalls doch und so klingt das wie in so einem Lebensratgeber. Also ich finde ein „Du“ spricht einen noch einmal viel persönlicher an.
    Grüße, E.

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