Tagebucheintrag

Die Welt setzt die Grenzen, die wir selbst sind

Heidegger nennt die Dinge, die wir in der Welt vorfinden, zunächst Zuhandenes. Ein Hammer beispielsweise ist zunächst nicht vorhanden, d.h. wir reflektieren nicht darüber, sondern er ist zu-handen. Das kann man ganz wörtlich nehmen. Er liegt in der Hand, um etwas damit zu tun. Hämmern zum Beispiel. Oder ihn weit weg werfen, in hohem Bogen. Erst wenn wir über den zuhandenen Hammer nachdenken, ist er für uns auch vor-handen und wir können philosophische Theorien darüber aufschreiben.

Interessant dabei ist der Gedanke, dass es mit jedem Zuhandenen eine Bewandnisganzheit hat. Bewandnis: Man lässt es mit etwas bewenden bei… . Lassen wir es dabei bewenden! Sie kennen diese Redewendung. Es ist, so könnte man sagen, etwas zu akzeptieren, so, wie es ist. „Bewenden lassen bedeutet ontisch: innerhalb eines faktischen Bersorgens ein Zuhandenes so und so sein lassen, wie es nunmehr ist und damit es so ist.“ (S. 84) Das erinnert mich ein wenig an das „Was ist, darf sein.“ der Gestalttherapie. Etwas bei etwas bewenden lassen. Beispielsweise Grenzen zu akzeptieren, die gesetzt werden. Das ist eine Entscheidung. Es ist die Entscheidung, das anzunehmen, was ist. Und zwar: damit es so ist. Bewandnisganzheit, das heißt: es macht schon Sinn, dies so zu tun. Es gibt ganzheitliche Zusammenhänge, die wir nicht (ontologisch) verstehen, die wir aber achten können.

Ein paar Zeilen vorher schreibt Heidegger: „Die Bewandtnisganzheit selbst aber geht letztlich auf ein Wozu zurück, bei dem es keine Bewandnis mehr hat, was selbst nicht Seiendes ist in der Seinsart des Zuhandenen innerhalb einer Welt, sondern Seiendes, dessen Sein als In-der-Welt-Sein bestimmt ist, zu dessen Seinsverfassung Weltlichkeit selbst gehört. Dieses primäre „Wozu“ ist ein Worum-Willen. Das „Um-Willen“ betrifft aber immer das Sein des Daseins, dem es in seinem Sein wesenhaft um dieses Sein selbst geht.“ (ebd.)

Dasein, das ist das Sein des Menschen. Der Mensch sorgt für sich. Es geht ihm um sein eigenes Sein, das er nicht ergründen kann, aber um des eigenen Seins willen kann er Entscheidungen treffen. Das, worauf die Bewandnis zurückgeht, ist das „Wozu“. Wozu mache ich das? Wozu treffe ich Entscheidungen, so, wie ich sie treffe? Da geht es nicht mehr um bloße Zuhandenheit. Da geht es nicht lediglich darum, den Hammer zur Hand zu nehmen, um damit ein Haus zu bauen. Es geht um mehr. Es geht ums In-der-Welt-Sein selbst. Es geht um Alles. Das heißt: es macht Sinn, etwas bei etwas bewenden zu lassen, einfach, weil es die innere Logik der Welt so will.

Wir sind keine Wesen, die in der Luft schweben, sondern wir leben in der Welt. Die Welt setzt uns Grenzen. Es macht Sinn, diese anzunehmen. Die Welt ist das, worin wir existieren. Ohne Welt existieren wir nicht. Welt generiert uns. Würden wir die Grenzen und Strukturen nicht achten, die sie uns setzt, würden wir aufhören zu existieren. Heideggers Clou dabei ist jedoch: Welt ist unser eigener Interpretationshorizont. Das hat mir vor einiger Zeit jemand erklärt, der sich mit Heidegger auskennt. Bisher hatte ich es noch nicht verstanden. Ich glaube, jetzt verstehe ich es. Ein wenig zu mindest. Das hieße ja: die Grenzen, die die Welt uns setzt, sind wir selbst. Erst durch unsere eigenen Grenzen entstehen wir. Irgendwie ist das ein schöner Gedanke.

 

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