Tagebucheintrag

Der Mensch wird am Du zum Ich. (Martin Buber)

Ich glaube, der Mensch kann auf zwei Arten am Du zum Ich werden. Ich nenne sie: Reibung und Wachsen. Reibung bedeutet: ich bin in Kontakt mit meinem Gegenüber. Ich denke nach über die Gedanken, die er oder sie mir schenkt. Ich entwickle daran meine eigenen Gedanken. Ich erlebe resonanzartige Gefühle, die mein Gegenüber in mir bewirkt. Ich wecke resonanzartige Gefühle in meinem Gegenüber. Ich antworte handelnd auf mein Gegenüber und ich provoziere selbst Handlungen in ihm oder ihr. Wachsen bedeutet: Wir leben aus einem gemeinsamen Seelengrund heraus. Es gibt so etwas wie „original interaction„, die Gendlin beschreibt. Also das geteilte Gemeinsame. Das gemeinsame Gefühl, aus dem heraus alles entsteht. Das Gefühl, welches in die Tiefe des Seins hinabreicht, wo alles mit allem verbunden ist, bevor es überhaupt getrennt wird.

Vor einiger Zeit habe ich für jemanden diesen Baum gemalt. Ich stelle ihn hier nochmal online. Reibung geschieht im Geäst. Gedanken fliegen hin und her, Reibung ereignet sich, und die individuelle Haltung der beiden „Ichs“ drückt sich in den unterschiedlich gebogenen Ästen aus. Wachstum geschieht in den Wurzeln. Beide Bäume wurzeln im gleichen Seinsgrund und der Mensch wird aus den gemeinsamen Wurzeln genauso am Du zum Ich, wie von den Kronen her, aber eben durch von unten her wachsende Differenzierung.

Der Mensch wird am Du zum Ich. Einmal Top-Down. Und einmal Bottom-Up. Beide Male entstehen kräftige, selbstständige Stämme, die sich klar voneinander unterscheiden lassen.

Und wenn diese beiden Stämme erst einmal existieren, ereignet sich das Unwahrscheinliche: sie beginnen zu Tragen. In einem Eintrag, den ich vor etwa drei Tagen geschrieben, aber dann nicht online gestellt habe, gab es folgenden Absatz, der im Grunde genommen ganz ähnlich klingt wie das, was Martin Buber in dem Zitat beschreibt. Auch den kopiere ich mal hier rein, auch wenn er etwas aus dem Zusammenhang gerissen ist:

Das Lustige daran: in the picture perfect world we can be more than before. Das funktioniert. Im Bild entsteht das Neue. Dort liegt der Keimling. Ein Bild ist nichts als Phantasie, Zeichnung, Entwurf. Irgendwann jedoch wird aus dem anfänglichen Bild Realität. Die anfänglich kleine Pflanzenskizze wird größer und größer, wächst, gedeiht und tritt aus dem Rahmen des Bildes heraus, und wächst immer weiter. Wie Efeu wächst sie aus der Wand entlang, an der der Bilderrahmen hängt, und wächst auch nach vorne in die dritte Dimension. Ich trete hinaus in die Welt und bin mit einem Male tatsächlich mehr, als das, was ich zuvor war. Ich erlebe es gerade am eigenen Leibe. Das Lustigste im Lustigen ist: es ist so unglaublich einfach. Nichts ist einfacher als das. Es ist das Einfachste auf der ganzen Welt.

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PS: Danke, Anke! 🙂

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