Tagebucheintrag

Homöostase = Stillstand = Tod

Luhmann schreibt davon, dass Systeme ihre Elemente selbst erzeugen, und nicht umgekehrt, dass die Elemente die Systeme erzeugen. Das ist der Gedanke der Autopoiesis.

Gendlin schreibt davon, dass Objekte nur dadurch entstehen, dass ein Lebensprozess unterbrochen ist, der sich „gerne“ fortsetzen würde. Nur das, was es möglich macht, einen Prozess fortzusetzen, erscheint als einzelnes Objekt: „By being absent it is separate.“ (Objekte können auch andere Menschen sein.)

Buber schreibt, dass der Mensch erst am Du zum Ich wird. Hier nochmal das entsprechende Zitat: „Der Mensch wird am Du zum Ich. Gegenüber kommt und entschwindet, Beziehungsereignisse verdichten sich und zerstieben, und im Wechsel klärt sich, von Mal zu Mal wachsend, das Bewußtsein des gleichbleibenden Partners, das Ichbewußtsein. Zwar immer noch erscheint es nur im Gewebe der Beziehung, in der Relation zum Du, als Erkennbarwerden dessen, das nach dem Du langt und es nicht ist, aber immer kräftiger hervorbrechend, bis einmal die Bindung gesprengt ist und das Ich sich selbst, dem abgelösten, einen Augenblick lang wie einem Du gegenübersteht, um alsbald von sich Besitz zu ergreifen und fotan in seiner Bewußtheit in die Beziehungen zu treten.”

Die drei passen gut zusammen. Sie ergänzen sich.

Buber geht davon aus, dass das Ich bestehen bleibt, auch nachdem die Bindung gesprengt ist. Es ist sich seiner selbst bewusst geworden und geht in diesem neuen Bewusstsein neue Bindungen ein. Gendlin geht davon aus, dass es erstmal keine Bindung gibt, weil es keine zwei getrennten Menschen gibt. Sie sind in „original interaction“ miteinander verbunden, bevor sie getrennt werden. Erst wenn eine original interaction nicht mehr fortgesetzt wird, fällt mir Bubers „Du“ überhaupt auf, als eigenständiges, gendlin’sches „Objekt“. Und Luhmann geht davon aus, dass das gemeinsame Miteinander das ist, was Ich und Du überhaupt erst erzeugt. Und nicht umgekehrt (Ich und Du erzeugen das gemeinsame Miteinander).

Buber schaut also vom Du zum Ich. Gendlin schaut vom „original Ich“ zum Du. Und Luhmann schaut auf alle beide von oben herab.

Spannend dabei ist: Das „Ich“ hat nur dann Bestand, wenn es in neue original interactions eingehen kann. Hier führt uns Luhmann einen kleinen Schritt weiter. Systeme sind lebendig. Sie überleben nur dann, wenn sie ständig neue Elemente an sich anschließen. Echte, dauerhafte Homöostase gibt es nicht. Sie wäre der Tod eines Systems, könnte man vielleicht sagen. Deshalb muss sich das Ich ständig in neue Beziehungen hineinbegeben, um als „Ich“ lebendig zu bleiben.

Das hat jemand anders schonmal ein wenig poetischer formuliert:

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

(Hesse)

 

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