Tagebucheintrag

Da sein im gestoppten Prozess

Manchmal im Leben sind wir gestoppt. Dann geht etwas nicht weiter. Etwas, wonach wir uns sehnen, tritt nicht ein. Etwas, was wir uns zutiefst wünschen, bleibt aus. Etwas, was wir erwarten oder brauchen, fehlt. Etwas, woran wir uns gewöhnt haben, fällt weg.

So kann es zum Beispiel sein, dass ein Mensch, den wir gern haben, nicht da ist, weil er an einem fernen Ort wohnt und weil die Zeit oder das Geld fehlt, um einander zu besuchen. Es kann sein, dass eine Tür im Beruf, die die ganze Zeit vor uns lag, sich doch nicht öffnet, weil sie schon ein anderer durchschritten hat. Es kann vorkommen, dass der Traum von der eigenen Selbständigkeit platzt, weil die Finanzierung nicht gestemmt werden kann. Es kann sein, dass der Mensch, mit dem wir uns Kinder und Familie gewünscht hätten, tiefe Zweifel bekommt und die Beziehung beendet. Oder es stirbt ein Freund, unerwartet und plötzlich, an einer unheilbaren Krankheit. All das ist Leben, gehört zum Leben dazu. Derartige Lebensmomente hat jeder schon einmal erlebt. Sie sind also in gewisser Weise Normalität, obwohl sie sich alles andere als normal anfühlen.

Die Beispiele, die hier genannt wurden, lassen sich mit der Metapher des gestoppten Prozesses beschreiben. Der Philosoph Eugene Gendlin schreibt, dass in einem solchen Moment etwas, was impliziert war, nicht geschehen kann (2016). Das Implizieren bleibt gewissermaßen unerfüllt. Es beginnt dann, ein (mehr oder weniger kreatives) Eigenleben zu führen. Auch Fritz Perls (1991) hat Begriffe entwickelt für derartiges Erleben: Er spricht davon, dass eine offene Gestalt sich nicht schließen konnte. Die Frage ist: Wie können wir mit derartig offenem Erleben umgehen? Wie können wir das Unerfüllte aushalten? Und können wir es gar wenden und etwas Positives daraus machen?

Zunächst einmal: Wir können es nicht aushalten. Und wir können es auch nicht einfach so wenden. Das ist eine schlichte, unschönbare Tatsache. Je tiefer, je grundlegender das Unerfüllte ist, desto schwieriger ist es, cool zu bleiben und das alles locker zu nehmen. Es macht einfach keinen Spaß, sich alleine zu fühlen, wenn wir uns doch wünschen, gemeinsam unterwegs zu sein. Es fühlt sich Scheiße an, vor berufliche Hürden gestellt zu werden, da, wo wir uns einen gangbaren Weg erhofft haben. Es frustriert, wenn plötzliche Grenzen auftauchen, die alles, was so greifbar in der Luft lag, in Frage stellen oder vereiteln. Das ist so. An dem Schrecklichen in diesem Erleben kommen wir nicht vorbei. Wir können uns allenfalls davon ablenken. Wir können tausend Dinge unternehmen, Ausweichmöglichkeiten suchen, um die innere gefühlte Qualität des Schrecklichen nicht spüren zu müssen. In der Vielfalt unserer heutigen Zeit gibt es tausend Wege, um derartigen Gefühlen zumindest für eine Weile zu entgehen. Das Paradoxe in all dem ist, dass die Optionen, die wir uns schaffen, um dem Schrecklichen zu entgehen, das Schreckliche im Hintergrund wieder reproduzieren. Das führt dahin, dass keiner dieser potenziellen Aus-Wege dann die ganze Fülle hat, die wir uns von ihm erhofft hatten. Roger Willemsen schreibt dazu: „Es ist der negative Konjunktiv: Etwas ist schön, wäre da nicht… “ (2008, S. 19).

Wäre da nicht… . Interessant an dieser Formulierung sind die drei Punkte am Ende. Wäre da nicht – ja was, eigentlich? Was genau ist es denn, was uns hindert, das Jetzt zu genießen, wie das in Ratgeberbüchern (oder von gutgemeinten Tipps aus dem Freundeskreis) immer vorgeschlagen wird? Es wäre doch so schön, jetzt einfach den Kaffee zu genießen oder die Sonne auf dem Gesicht. Es wäre doch so schön, sich am Anblick des Meeres oder an dem guten Buch, das uns empfohlen wurde, zu erfreuen. Ja, das wäre wirklich schön, wäre da nicht… . Ich wünschte, ich könnte hier eine Lösung präsentieren für das Unaushaltbare, das in diesen drei Punkten eingebettet liegt. Schließlich bin ich ja Psychologe. Kann man das nicht erwarten von einem, der das alles studiert hat? Vielleicht. Dennoch, auch diese Erwartung wird dann unerfüllt bleiben. Denn auch ich kann das, was ist (oder nicht ist), nicht ändern.

Ich denke, alles, was in Lebensmomenten des Unerfüllten möglich ist, ist, da zu sein. Da sein, das ist nicht viel, und doch ist es viel. Da sein, das heißt, anerkennen, was ist und mich selbst oder mein Gegenüber nicht allein damit lassen. Es heißt, das Unerfüllte annehmen als etwas wirklich Schreckliches und als etwas zugleich Gegebenes. Da sein ist eine Haltung, die jenseits der tausend Optionen liegt, die wir uns schaffen, um dem Schrecklichen zu entgehen. Es versucht nicht, Auswege zu suchen. Es hat eine stille, geduldige Qualität. Es relativiert das Optionen-Suchen, das Auswege-finden-wollen als Solches. Es liegt jenseits (oder diesseits) jeglicher Optionen. Wenn ich darüber nachdenke, so bemerke ich, dass ich das, was ich mit „Da sein“ meine, nicht in klare Worte fassen kann. Es ist eher ein Gefühl, das ich in mir trage. Ein Gefühl, das bewirkt, dass ich lachen muss. Trotz des Schrecklichen. Lachen, darüber, wie die Menschen (und auch ich selbst, haha) dauernd den Optionen hinterherrennen, um dem Unerfüllten aus dem Weg zu gehen.

Gelingendes Miteinander wäre wohl, gemeinsam mit anderen lachen zu können. Über das Unerfüllte. Trotz des Unerfüllten. Neben dem Unerfüllten. Und vielleicht sogar irgendwann mit dem Unerfüllten, in Anerkennung all seiner Schrecklichkeit (kein Quäntchen davon darf mißachtet sein).

Kann ich diesen Eintrag so beenden, an dieser Stelle? Er fühlt sich noch nicht ganz rund an. Genau in diesem Moment muss auch ich ein wenig lachen. Mir wird deutlich: Genau das ist es ja, was ich sagen möchte. Das Unerfüllte, das Noch-nicht-ganz-Runde, das sich vielleicht nach dem Lesen dieser Zeilen einstellt – wie wäre es, es einfach anzuerkennen und darüber zu lachen? Könnte sich das Lachen in Worte gießen, so würde es vielleicht laut ausrufen: Was für ein schrecklicher, unerfüllender Tagebucheintrag!

Was also bleibt übrig, unterm Strich? Es ist allenfalls eine leise Melancholie. Jede Melancholie hat zwei Seiten. Zum einen ist sie das Niedergeschlagene, das Graue. Anders betrachtet kann man eine Melancholie aber immer auch als Sehnsucht bezeichnen. Wenn Sie eine solche Sehnsucht jetzt spüren können, am Ende dieses Artikels, und wenn es Ihnen gelingt, Ihre Sehnsucht als solche ein klein wenig gern zu haben, einfach um ihrer selbst willen, einfach deshalb, weil Sehnsucht auch zum Leben dazu gehört – dann wäre das Gestoppte, auch das Gestoppte in diesem Eintrag, doch noch gewendet.

Literatur
Gendlin, Eugene T. (2016): Ein Prozess-Modell. Verlag Karl Alber.
Perls, F., Hefferline, R.F., Goodman, P. (1991): Gestalttherapie, Grundlagen. Dtv
Willemsen, Roger (2008). Der Knacks. S. Fischer

5 Comments

  • Katharina

    Lieber Tony,
    danke für diese unrunden Gedanken zum Thema „Unerfülltes“. Während ich Deine Zeilen gelesen habe wurde ich über den Tod eines Mitarbeiters informiert. So schnell kann uns das Unerfüllte einholen und so wahr fühlen sich Deine Überlegungen an. Ich bin ohne Absicht auf Deine Seite gelangt und werde zukünftig gerne und oft bei Dir herein schauen.
    Welch ein Geschenk!

  • Tony

    Liebe Katharina,
    vielen Dank! Schön dass Dich meine unrunden Gedanken angesprochen und einen Punkt getroffen haben, den Du selbst gerade erlebst.
    Und natürlich… alles Gute für Dich und die Menschen, die durch den Tod des Mitarbeiters betroffen sind.

    Herzliche Grüße,
    Tony

  • Mona

    Lieber Tony,
    Deine Gedanken haben mich sehr angesprochen, da meine aktuelle Situation mir ein Dasein mit dem Unerfüllten im emotionalen Auf und Ab abverlangt.
    Wenn ich mich mit meiner Körperlichkeit verbinde, mich von der Emotionalität nicht davontragen lasse, mich beziehe auf das was ist, in Begegnung bleibe bekomme ich wieder ein geschlosseneres Gefühl um das Unaushaltbare auszuhalten. Es entsteht ein begrenzter Raum indem ich mich wieder bewegen kann. Zumindest für Momente. In der Hoffnung das diese sich vermehren. Danke für die Möglichkeit es in Worte zu fassen. Herzliche Grüße Mona

  • Tony

    Liebe Mona,
    das ist spannend – Körperlichkeit und Emotionalität fühlen sich also für Dich wie zwei verschiedene Dinge an. Weil wir ja eigentlich Emotionen auch im Körper spüren.

    Liebe Grüße,
    Tony

    • Mona

      Lieber Tony,
      es ist mehr das mal das Eine und mal das Andere in den Vordergrund tritt.
      Wenn der Verlustschmerz so stark ist, das ich es fast nicht aushalte, und dieser im Brustkorb sitzt, also nur in einem kleinen Teil des Körpers, und so präsent ist,ist für mich fast nichts anderes spürbar.
      Wenn es mir gelingt dann andere Körperbereiche
      in die Körperpräsenz zu holen nimmt die Dominanz des Schmerzes für mich ab.
      Und meistens gelingt es in dem ich mich auf etwas oder jemanden beziehe. Ein Kontakt zur Umwelt.
      Mich mit meinem Rücken wo gegendrücken, meine Füsse gegen den Boden stemmen, drücken, schieben. Die Körpergrenze spüren. Den Schmerz einbetten.
      Alles was mir hilft den Körper mehr auszufüllen, mich in den Augenblick zu holen und in die aktuelle Situation.
      Egal wie.
      Manchmal ist es auch das Gespräch mit einer guten Freundin.
      Der Schlüssel liegt für mich in der Verbindung.
      Liebe Grüße Mona

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