Tagebucheintrag

Was verloren ging und was uns bleibt

 „Auf der Straße spielen Kinder, die einige meiner schwierigsten physikalischen Probleme lösen könnten, weil sie über Formen der Sinneswahrnehmung verfügen, die ich schon lange verloren habe.“

J. Robert Oppenheimer, Vater der Atombombe

 

Mir scheint, die alten Griechen wussten einerseits mehr als wir. Andererseits auch nicht. Sie konnten z.B. keine Atombomben bauen, hatten kein physikalisches Verständnis, so wie wir heute. Ihr Faktenwissen über die Welt war um ein Vielfaches geringer als das Unsrige. Und dennoch war ihr Denken mannigfaltiger.

So nahmen die Vorsokratiker an, dass nicht Gründe die Ordnung der Welt beeinflussen, sondern der Natur immanente Kräfte. Sie stritten sich darum, welcher Stoff die Hauptkraft war, die alles bestimmte. Thales sagte beispielsweise, dies sei das Wasser. Anaximenes sagte: die Luft. Heraklit meinte, das Feuer sei am wichtigsten.

Platon hingegen abstrahierte schon mehr. Er meinte, dass in den Ideen alles läge, dass die Ideen schon vor dem (materiellen) Kosmos da waren und dass alles, was uns umgibt, nach diesen Urbildern gestaltet sei. Aber auch bei ihm gab es noch Elemente (Erde, Feuer,…) und Prinzipien. Die Welt jedoch war noch beseelt und mit Vernunft begabt, wie ein großes, allumfassendes Lebewesen.

Aristoteles war ja nicht so ganz zufrieden, mit dieser Ideen-Idee seines Lehrers. Er machte das Ganze ein Stück weit komplizierter. Damit löste er einige Probleme von Platon, handelte sich aber neue ein. Er unterschied beispielsweise Materie und Form oder Möglichkeit und Wirklichkeit. Das, was unsere Welt beeinflusst, lag nicht mehr außerhalb, wie noch Platons Ideen, sondern in ihr. Dennoch gab es auch bei Aristoteles immerhin noch mehrere Arten von Ursachen: die Wirkursache (Warum?), die Zweckursache (Wozu?), die Stoffursache (Woraus?) und die Formursache (äußere Form und funktionale Struktur), die alle gleichwertig waren.

Aristoteles blieb lange Zeit der state of the art. Das ganze Mittelalter lang las man seine Schriften. Erst zu Beginn der Neuzeit änderte sich das. Gallileo Gallilei beobachtete durch sein Fernrohr Jupitermonde und Sterne und war der erste, der empirische Beobachtungen als Argumente wirklich ernst nahm. In Gedankenexperimenten versuchte er, Kausalbeziehungen herzustellen. Damit blieb Aristoteles‘ Wirkursache (Warum?) übrig – die anderen Arten von Ursachen wurden von nun an vernachlässigt. Gallileo versuchte jedoch noch, alles auf Geometrie zurückzuführen. Das hieß, dass die sogenannten primären Qualitäten, also Ausdehnung, die Gestalt, die Bewegung, die Anzahl, die Lage, die Dauer und die Kontiguität von Körpern relevant waren, um die Natur zu beschreiben.

Noch weiter ging Descartes. Er schaute sich die Uhrwerke an, die zu seiner Zeit gerade erfunden wurden und sortierte wieder aus. Er sagte, die Natur und die Körper seien nicht beseelt, sondern, wie die Uhrwerke, mechanisch. Auch von Gallileis primären Qualitäten sei eigentlich nur die Ausdehnung relevant. Alle anderen Qualitäten ließen sich auf die Ausdehnung zurückführen. Descartes abstrahierte also weiter. Der menschliche Geist, der beispielsweise Kausbeziehungen dachte, lag nicht mehr in der Natur, sondern war in seinem Sein komplett von ihr getrennt.

Natürlich blieben die Theorien der Menschen über die Natur nicht bei Descartes stehen. Es ging weiter, etwa mit Einsteins Relativitätstheorie, der zeigte, dass die Ausdehnung des Raumes nicht so geometrisch ist, wie wir meinen. Dennoch blieben wir in unserem modernen Alltagsverständnis der Welt in etwa bei Descartes stehen. Die westliche Medizin fasst den menschlichen Körper noch immer als ausgedehnte Wirkursachen-Maschine auf. Und wenn wir über die Welt nachdenken, denken wir cartesianisch-räumlich*, wie in einem Koordinatensystem, und nicht etwa relativ-raumzeitlich.

Was also ging unterwegs verloren? Das Gefühl, Kräfte seien es, die die Natur bestimmen, statt Ursachen. Das Wissen, dass es mehrere Arten von Ursachen gibt. Die Seele, die der Natur innewohnt. All diese Dinge sind eher privat-künstlerisch, offiziell denken wir noch immer in Descartes‘ Mustern, ohne es zu merken. Mit naturwissenschaftlich geprägter Forschung, die von Wirkursachen und dem cartesianischen Raum ausgeht, kann man heutzutage mehr Geld verdienen, als mit geisteswissenschaftlichem Denken oder (zumindest gilt das für die meisten von uns) mit Kunst. Das zeigt: die Naturwissenschaft ist für uns allgemein anerkannter, wichtiger. Und auch Geisteswissenschaftler und die meisten Künstler denken letzlich in den genannten Mustern und würden diese nicht etwa anzweifeln, sondern ihre eigenen Denkmuster einfach daneben stellen.

Was bleibt also? Wirkkausalität und cartesianische Ausdehnung. Das scheint wenig, ist aber ziemlich viel. Denn mit diesen beiden Aspekten haben wir es in den letzten vier Jahrhunderten geschafft, die Welt so umzukrempeln, wie noch nie ein Mensch zuvor. Wir sind (zumindest in den Industrienationen) gesünder geworden, haben uns vermehrt, haben viel zu Essen, haben das Leben bequemer gemacht, frieren nicht und werden uralt. Dies müssen wir anerkennen, trotz der Atombombe.

Andererseits ist die Wirkkausalität und die cartesianische Ausdehnung in der Tat ziemlich wenig. Alles andere, was wir vielleicht als Kinder noch intuitiv wussten und was die alten Philosophen beschrieben haben, wird im Laufe des Erwachsenwerdens verbannt in die Privatsphäre (oder in die gesellschaftlich weniger anerkannte Geisteswissenschaft). Wenn wir diesen Weg konsequent zu Ende gehen, sind wir reine Naturwissenschaftler und sagen dann vielleicht „es gibt da noch mehr“. Dann haben wir ein vages Gefühl von dem, was wir vergessen haben, nennen das dann Spiritualität und beschäftigen uns in unserer sogenannten Freizeit mit diesen Dingen.

Dabei erkennen wir nicht, dass wir gar keine Spiritualität bräuchten, wenn wir erkennen würden, dass wir selbst es sind, die verlernt haben, als ganzer Mensch mannigfaltig zu denken.

 

*Cartesius ist der lateinisierte Name von René Descartes.

 

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