Warum Win-Win nicht ausreicht

Wenn ich die Rezo-Videos anschaue, die derzeit durch die Medien geistern, spüre ich eine große Erleichterung. Eine Generation unter mir gibt es Menschen, die plötzlich politisch werden, die Dinge vorantragen, die mir auch wichtig sind. Ihre Message: Klimaschutz kommt vor allem anderen. Klar, das alles ist auch polemisch und wirkt auch „unseriös“, weil das keine gelernten Journalisten sind. Aber dennoch merke ich, dass sich da eine neue Kraft formiert, die sagt: „So geht es nicht mehr weiter. Wir brauchen grundlegende Alternativen.“

Ein ähnliches Gefühl hatte ich auch schon bei Fridays for Future. Ich find’s super, dass die Schülerinnen und Schüler an den Freitagen nicht in die Schule gehen und lieber demonstrieren. Die Idee dahinter: Ziviler Ungehorsam (TM). Von der Wikipedia definiert als der symbolische, aus Gewissensgründen vollzogene, und damit bewusste Verstoß gegen rechtliche Normen. Manchmal ist das notwendig. Denn nur so kann was vorwärts gehen, was innerhalb des gegebenen Rahmens nicht möglich ist. Deshalb ist das Ausbrechen in bestimmten Fällen notwendig und richtig.

Im Kontext Klimaschutz liegt so ein Fall vor. Die herkömmliche, alte Logik besagt: Wir brauchen Win-Win-Situationen. Du gewinnst, ich gewinne. Dieses Prinzip wurde in den 1970er Jahren entwickelt und ist heute weltweit in vielen Kreisen anerkannt, besonders in der Wirtschaft. Nicht nur Verhandlungspartner A gewinnt, während der andere Partner B ausgebeutet wird (Win-Lose), nicht beide verlieren (Lose-Lose), sondern beide gewinnen, beide stützen und supporten sich gegenseitig (Win-Win). Soweit, so gut.

Was mir bewusst wird, durch die Rezo-Videos: Auch Win-Win reicht nicht. Wir müssen auch die relevanten Umweltprozesse als dritten Partner ins Spiel bringen. Wir brauchen also nicht nur Win-Win, sondern Win-Win-Win. Auch die Prozesse als solche müssen gewinnen können, in diesem Fall: die Umwelt. Denn es ist möglich, dass zwar die beteiligten Personen gewinnen (z.B. Kunden und Unternehmer als Gewinner), dass dabei aber der Gesamtprozess langsam und nachhaltig vor die Wand fährt.

Ähnliche Gedanken formulierte schon in den 1970er Jahren Ruth Cohn. Lasst uns den Globe nicht vergessen, den großen, umfassenden Rahmen, in dem wir zusammenarbeiten. Modernere Ansätze wie das Prozessdenken stellen die Interaktionsprozesse, das größere, in sich verwobene Ganze, ins Zentrum unseres Tuns und Handelns. Hier gehört auch die Umwelt dazu, denn Körper und Umwelt sind eins. Lasst uns also eine dynamische Welt ersinnen, in der wir alle gewinnen, die Menschen in ihrem Miteinander, und auch die Lebewesen, die Dynamiken, die Welt, in der wir leben.

Eine andere Wahl haben wir nicht. Nicht the sky, sondern the globe is the limit.

 

Sinn-Bild #146: Elephant Skin

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