Tagebucheintrag

Sind Attentäter Perfektionisten?

Bezeichnend für Attentäter wie Anders Behring Breivik oder auch den Una-Bomber Ted Kaczynski ist die rationale Logik, die hinter ihren Taten steht. Manfred Schneider kennt sich mit der Psychologie solcher Menschen aus. Er beschreibt die hochintellektuelle, messerscharfe Beweisführung, die beispielsweise im Manifest des norwegischen Attentäters sichtbar wird. Er sagt weiterhin, dass das Gedankengut gar nicht so extrem und andersartig sei als das, was viele „ganz normale“ Menschen denken. Schneider meint, das hätte auch ein konservativer Universitäts-Professor schreiben können.

Allerdings gibt es viele konservative Universitätsprofessoren, die auch solche Abhandlungen schreiben, und trotzdem nicht zur Waffe greifen. Schneider sagt auch, konservative Ansichten, wie die Ansicht, die Familie wieder mehr zu stärken und traditionelle Werte wie Disziplin und Ordnung wieder höher einzuschätzen, gehörten auch zu unserem Spektrum der Meinungen, seien wichtig und schätzenswert. Wieso also ist das konservative Unbehagen, wie Schneider es im Interview nennt, das in manchen Menschen existiert, in diesem Individuum derart eskaliert, dass er zu Gewalttaten getrieben wurde?

Ist die (in diesem Fall konservativ gefärbte) „ideale Welt“, die Breivik sich ausmalte, so perfekt, dass er an der „realen Welt“, die ihn umgab, verzweifelt musste? Ich frage mich: führen allzu klare, in sich logisch-abgeschlossene, perfekte Gedankenkonstrukte letzten Endes immer in eine Enge hinein? (Denn die Welt ist nicht abgeschlossen und beschreibbar, sondern komplex und verändert sich ständig.) Ist es so, dass am Ende kein Ausweg mehr möglich scheint, als mit Gewalt die Welt verändern zu wollen, weil man seine eigene logisch-abgeschlossene Gedankenwelt nicht mehr der tatsächlichen Welt anpassen kann? Letzteres gilt meiner Ansicht nach nicht nur für konservative, sondern genauso auch für linksradikale Bewegungen wie die RAF.

Vielleicht sind Menschen, je perfektionistischer sie sind, irgendwann derart gefangen in ihren logisch-konsequenten Schlussfolgerungen, dass sie am Ende nur noch verzweifelte Dinge tun können, die ihrer Ansicht nach „grausam, aber notwendig“ (Breivik) sind. Hypothese: Vielleicht führt Denken, das „zu Ende kommen will“, derart in eine Sackgasse, in einen Konflikt mit der Welt, so dass es auf jeden Fall irgendwann krachen muss.

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