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Florian Illies: Generation Golf. Eine Inspektion. (Buchempfehlung)

Dieses Buch ist jetzt schon 20 Jahre alt. Ich hatte es vor 10 Jahren schon einmal gelesen und damals nicht viel davon verstanden. Es erschien mir willkürlich und zersplittert. Beim nochmaligen Lesen jetzt merke ich jedoch, dass da sehr klar eine bestimmte Haltung umrissen wird, die Illies einer ganz bestimmten Generation, eben der „Generation Golf“ zuschreibt. Das sind die von 1965 bis 1980 geborenen. Ich selbst bin ja 1980 Geboren, d.h. ich zähle rein rechnerisch noch ganz knapp dazu. Zugleich auch nicht, denn ich habe ja die ersten 10 Jahre meines Lebens in der DDR verbracht. Ab 11 jedoch war ich auf einem bayerischen Gymnasium und kenne deshalb diese Streits um Füllerarten (Pelikan oder Geha?) usw. auch noch aus eigener Anschauung.

Das Buch hat (für mich) drei zentrale Gedanken:

  1. Die Generation Golf ist die erste Generation, die völlig behütet aufgewachsen ist. Sie kennt keine großen Probleme, war nie gesellschaftlichen Spannungen unterworfen. Alles war wohlgeordnet, am Samstagabend gab es „Wetten dass …“ im Fernsehen und von der Schule wurde man mit dem Auto abgeholt.
  2. Die Generation Golf hat keine großen Ambitionen, außer eben sich (narzißtisch) zu exponieren. Die Wahl der richtigen Marke bei der Kleidung ist ihr wichtiger als die Wahl einer Partei. Spaß zu haben bei der Love Parade ist wichtiger, als gegen Atomkraft zu demonstrieren.
  3. Die Generation Golf glaubt fest daran, dass es eine allgemeingültige Ordnung gibt, an die man sich halten kann. Sie ist damit fest in der Moderne verhaftet und weigert sich, die Ambiguitäten der Postmoderne anzuerkennen.

Als Symbol für diese Generation dient Illies der VW Golf, vor allem als Cabrio-Variante, ein Auto also, das für die breite Masse gebaut ist und das etwas über dem Durchschnitt komfortabel ist. Ein zweites Symbol, das die Haltung dieser Generation gut beschreibt, ist der Zauberwürfel:

„Man denke nur an den Zauberwürfel, der uns die Zeit in den Pausen vertrieb. Alles war schön bunt, aber wir wußten doch, daß es für jedes Klötzchen auch das richtige Plätzchen gab. Es braucht zwar seine Zeit, aber wenn man sich ordentlich bemüht, ist am Ende wieder alles so, wie es sich gehört: Blau bei Blau, Rot bei Rot und die Welt ist wieder ein kleines Stück übersichtlicher geworden. Selbst wenn jemand diese Welt zerstörte, könnte man sie jederzeit durch bloßes Zurückdrehen wiederherstellen. So haben wir früh gelernt, daß es die Basis eines jeden Spiels ist, daß klar ist, was wohin gehört.“ (S. 61)

Ich halte diese Haltung, die Illies beschreibt, für sehr brisant. Die Menschen, die der Generation Golf angehören, sind heute in ihren 50ern. Sie haben nie gelernt, mit Ungewissheit umzugehen. Im Gegenteil, eigentlich sind sie sich völlig sicher, dass alles geordnet werden kann, so wie die Farben des Zauberwürfels, und dass dann alles passt. Ein adaptiver Umgang mit den Folgen der Globalisierung, des Klimawandels und anderer Herausforderungen unserer Zeit jedoch sieht anders aus.

Was ich mich frage: Wie kann man mit dieser Personengruppe (politisch und auch psychologisch) arbeiten? Wie kann man ihnen Lust machen auf das Ungewisse, auf die Spannungen, auf die Ambiguitäten der heutigen Zeit? Geht das überhaupt?

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