TV-Tipp: Der Preis der Freiheit

Der Preis der Freiheit, 3sat, 45 Minuten

Philosophisch gesehen müsste der Titel dieser Dokumentation eigentlich heißen: „Der Preis der Unabhängigkeit“. Denn Freiheit und Unabhängigkeit sind zwei verschiedene Dinge. Meiner Ansicht nach geht es diesem Menschen, der da unter anderem vorgestellt wird, nicht um Freiheit. Sondern darum, möglichst unabhängig zu sein, von den Systemen der Gesellschaft. Er hat kein Bankkonto, keine Krankenversicherung, keine Wohnung und keine feste Freundin. Und er ist glücklich damit. Sagt er zumindest.

Freiheit jedoch ist etwas anderes. Sartre (1962) sagt, dass wir nicht nicht frei sein können: „Ich bin dazu verurteilt, für immer jenseits meines Wesens zu existieren, jenseits der Antriebe und Anlässe meines Tun: Ich bin dazu verurteilt, frei zu sein. Das bedeutet, daß wir für unsere Freiheit keine anderen Grenzen als sie selbst finden können oder, wenn man lieber will, daß wir nicht die Freiheit haben, aufzuhören, frei zu sein“ (S. 560). Oder anders ausgedrückt: Auch, wenn ich mich in noch so vielen gesellschaftlichen Abhängigkeiten befinde, eine Arbeit habe, die mich knechtet, mein Bankkonto überzogen ist und ich Schulden habe und ans Bett gefesselt bin durch eine schwere Krankheit, bleibe ich frei. Denn „[…] diese äußeren Grenzen der Freiheit sind niemals, gerade weil sie äußerliche sind und nur als unrealisierbare verinnerlicht werden, ein reales Hindernis für sie und sind auch keine erduldete Grenze. Die Freiheit ist vollkommen und unendlich, was nicht besagen will, daß sie keine Grenzen habe, sondern daß sie ihnen niemals begegnet  (S. 670)“. Wir sind und bleiben immer frei, uns zu entwerfen, uns, wie Sartre sagt, zu pro-jektieren, auf die Zukunft hin. Ob dieser Entwurf, der wir selbst sind, ein Mensch in Abhängigkeit oder in Unabhängigkeit ist, ist für die Frage der Freiheit irrelevant.

Nichts desto trotz eine sehr sehens- und empfehlenswerte Dokumentation, die ein prägnantes Bild unserer aktuellen, postmodernen (Lebens-)Situation zeichnet.

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