Tagebucheintrag

Nur Kommunikation kann kommunizieren (Luhmann)

Luhmann sagt ja etwas provokativ, dass Menschen nicht kommunizieren können. Nur die Kommunikation selbst kommuniziert. Das ist eine etwas abgefahrene Sichtweise. Aber sie scheint mir durchaus schlüssig. Denn jeder von uns hat das doch schon oft selbst erlebt: man sagt plötzlich Dinge, die man gar nicht beabsichtigt hat. Allenfalls wundert man sich hinterher, warum man dies gerade gesagt hat. Oder: man beobachtet sich selbst dabei, während man etwas sagt, live und in Farbe. Und staunt vielleicht darüber, tatsächlich diese Worte aus dem eigenen Munde zu vernehmen.

Ein bisschen mutet dies an wie ein Theaterstück. Wenn die Kommunikation selbst kommuniziert, dann sind nicht wir es, die Regie führen, sondern die Kommunikation ist diejenige, die bestimmt, was gesagt werden muss. Wir sind nur die Schauspieler, die das Skript abarbeiten, das vorgegeben ist. Ich habe letztens ein Theaterstück angeschaut, in dem dieses Thema sehr anschaulich gemacht wurde. Die Kommunikation wurde in Silvian Wagners „Mauricius von Craûn“ personifiziert von Frau Minne. Diese Figur hatte, wie eine Spinne, die ihr Netz spinnt, alle Fäden in der Hand. Sie bestimmte darüber, was die anderen Figuren sagen und tun sollten. Und sie sagten und taten es. Am Ende führte alles in die Katastrophe.

Das klingt so, als ob wir keine Chance hätten. Ziemlich fatal. Ich glaube jedoch, eine kleine Chance haben wir dennoch. Wir können versuchen, die Kommunikation zu durchschauen. Wir können innerlich einen Schritt zurücktreten und erkennen, was da gerade abläuft. Und dann können wir darüber kommunizieren. Dann kommuniziert zwar immer noch die Kommunikation, aber sie kommuniziert jetzt über sich selbst. Das ist doch spannend. Im „Mauricius“ hat das nicht viel gebracht. Auch wenn der Autor des Stückes selbst als Figur vorkam und mehr oder weniger ernsthaft darüber nachsinnierte, ob das jetzt so sinnvoll ist, was er da in die Rollen hineinschreibt (z.B. ob man daran sterben kann, wenn man sich mit dem Schienbein an einer Bettkante stößt), hatte er doch keine Chance und die Katastrophe geschah am Ende doch. Aber es war ja nur ein Theaterstück. Die Leute haben gelacht. Das ist doch gut.

In dem Theaterstück, das wir gemeinhin „richtiges Leben“ nennen, haben wir auch nur diese Chance: atmen, zuschauen bei dem, was sich da mit uns abspult und dann darüber lachen. Immerhin – so ein paar wenige Lachfältchen hatte Luhmann schließlich auch, um seine Augen herum. Wenngleich seine ernsten Stirnfalten zahlreicher waren. Schade, eigentlich. 😉

One Comment

  • Roland Wallner

    Nach meiner Auffassung hast du Luhmann nicht verstanden. Wenn wir zusammen miteinander sprechen, kommunizieren wir ja auch. Und das lehnt Luhmann gerade ab. Er meint, wir können gar nicht kommunizieren. Die erste Aussage von Luhmann kann ich verstehen. Nur die 2. Aussage von Luhmann kann ich nicht verstehen, dass nur die Kommunikation kommunizieren könne.

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