Tagebucheintrag

Mach, worauf Du Lust hast! Ein Tabu in der Wissenschaft!?

Darf ich mich beim Erstellen einer wissenschaftlichen Arbeit auf meine Lust beziehen? Ich meine: Ja. Ich darf nicht nur, sondern es ist unabdingbar. Die Lust ist ein wichtiges Gefühl, ohne das ich gar nicht inhaltlich sinnvoll arbeiten kann.

Die Lust hilft mir zum Beispiel, den grauen Brei an potentiell möglichen Themen vorzustrukturieren, die später in eine Arbeit Einzug finden werden. Denn sie impliziert den strukturellen Kern dafür, welche theoretischen Ansätze zu meiner Arbeit dazu gehören und welche nicht. Die Lust liefert harte, inhaltliche Kriterien dafür, auf welche Theorien ich Bezug nehmen muss und auf welche nicht. Die Lust hat auf keinen Fall lediglich etwas mit Faulheit oder bloßer Launenhaftigkeit zu tun. Sie ist nicht beliebig, sondern sie ist unbestechliches Richtschwert, sie ist Felt Sense und intuitives Gespür, das ein wissenschaftlich arbeitender Mensch notwendig braucht, um seinem Thema eine eigene Form zu geben. Ohne die Lust einer Autorin wäre eine Arbeit lediglich ein bloßes Konglomerat aus logisch zusammengefügten Versatzstücken ohne lebendigen, inneren Zusammenhalt. Eine solche Arbeit wäre nicht wirklich ihre eigene Arbeit, sie trüge keine Handschrift, sie wäre nicht ihr eigenes Werk, sondern sie gliche eher einem baukastenähnlichen Einkauf aus dem Ikea-Katalog. Ein anonymes „Man“ betriebe dann die Wissenschaft, und nicht ein lebendiger, wollender Mensch.

Die Lust, die Neugier, das Interesse für ein Thema muss zuerst da sein, um gute wissenschaftliche Theorien, Modelle und Konzepte zu erstellen – erst aus diesem feinen, intimen Emfinden des Autors heraus kann das entstehen, was am Ende den Kern, den roten Faden und den Leitgedanken einer wissenschaftlichen Arbeit ausmachen wird. Sie hat Kraft und ist das Potential, das am Anfang steht, sie ist der Hinweisgeber dafür, wohin die Reise gehen wird. Der feine, lustvolle Forscherdrang, den ein Wissenschaftler in seinen Brust- und Bauchraum verspürt, wenn er sich einem für ihn faszinierenden Thema annähert, ist auch Kompass in den verwirrenden Stürmen und Untiefen der Literatursichtung. Er hilft ihm, Fomulierungen zu finden, die stimmig sind, wenn es daran geht, konkrete Textabschnitte zu formulieren. Er zeigt ihm am Ende, wo noch Unklarheiten zu beseitigen sind und wo bereits gute und wahre Gedanken gefunden wurden. Dieses Drängen ist an sich immer lustvoll, es fühlt sich einfach gut an, etwas zu erkennen und zu klären, zu formulieren und für andere Menschen festzuhalten.

Die Lust ist für eine Wissenschaftlerin in jeder Phase des Arbeitens ein „inneres Gegenüber“, an das sie Fragen richten kann: Was an dieser oder jener Theorie finde ich interessant? Was genau an jenem Modell langweilt mich? Was ist für mich das Spannende an dem Ansatz von Autorin XY? Was ist für mich das Aufregende an jenem Gedanken, den ich irgendwo in den Fußnoten eines Buches gefunden habe? Warum eigentlich lässt mich diese fremde Theorie nicht los, die auf den ersten Blick gar nichts mit meinem Thema zu tun hat? Auf all diese und unzählige andere Fragen kann mir meine Lust sehr präzise Auskunft geben. Befrage ich sie, so befrage ich in ihr mich selbst. Ich richte dabei meine Aufmerksamkeit auf meine eigene wissenschaftliche Neugier, und in der Neugier zugleich mein eigenes implizites Verständnis des Themas. Bin ich geduldig und nachsichtig genug mit mir selbst, wenn Antworten nicht wie aus der Pistole geschossen zu mir kommen, sondern eine Weile brauchen, um sich zu entfalten, so finde ich nach und nach zu immer präziseren Begriffen. Diese Begriffe kommen nicht aus Büchern, sondern sie sind tatsächlich meine eigenen. Sie sind für einen Wissenschaftler wertvoll wie Gold, denn sie sind der Rohstoff, das Material, die Fäden, aus denen eigene, individuelle Thesen, Modelle und Theorien gestrickt werden. Ich komme, indem ich mich selbst befrage, zu meinen ganz eigenen, expliziten (d.h. aussprechbaren oder zu verschriftlichenden) Gedanken, die nur ich so, auf diese spezielle Art, denke. Es sind neue Gedanken, die mich und mit mir zugleich das Thema voran tragen. Nur auf diese Art wird eine wissenschaftliche Arbeit eine gute Arbeit. Nur so entsteht aus mir selbst heraus ein stimmiges inhaltliches Kerngerüst, das das Thema, von dem eine Arbeit handelt, Satz für Satz als etwas Neues erschafft und dieses Neue in die wissenschaftliche (Fach-)Welt hinein trägt.

Wissenschaft darf und soll Spaß machen. Wenn dem nicht so ist, so wird auch die Arbeit, die dabei entsteht, nicht gut, denn sie bleibt blutleer und fade, ist eher bloße Auflistung und Handwerk als erkennende Durchdringung des Themas in dessen innerstem Kern. Wissenschaft darf und soll befriedigen. Nur so setzt sich das innerste Anliegen eines Menschen, der sich entschieden hat, Wissenschaft zu betreiben, in angemessener Weise im Rahmen der wissenschaftlichen Spielregeln fort.

5 Comments

  • Thomas Müller

    Die Lust ist zunächst sicherlich ein guter Ratgeber. Ihr nachzugehen, bedeutet, sich eines Anliegens bewusst werden zu können, das die eigene Arbeit tragen kann. Wahrscheinlich ist Lust stets Ausdruck eines Anliegens, einer inneren Verbundenheit mit einem Thema. Die Lust kann aber für eine wissenschaftliche Arbeit gefährdend sein, wenn sie nicht überschritten wird. Lust kann, bleibt sie alleine, auch Ausdruck von Betroffenheit sein und die eigene Betroffenheit ist kein guter Ratgeber, um eine Arbeit zu verfassen, die auch in Distanz zu sich selbst um Systematisierungen ringt und diese erarbeitet.

  • Roland Stein

    Ich würde hier differenzieren. Lust ist ein wichtiger Aspekt und eine Energie, die gerade am Anfang, in einer Art Brainstormingphase, von großer Bedeutung ist. Aber auch zwischendurch ist es sicher wichtig, immer wieder auf sie zu rekurrieren. Lust befeuert die Motivation, dran zu bleiben und weiterzumachen. Aber Lust kann in der langen Phase einer wissenschaftlichen Arbeit auch erheblich behindern. Viele Projekte scheitern, weil jemand „lustgesteuert“ nicht am Thema bleibt und sich durch die Mühen der Ebene arbeitet. Und diese gibt es gerade bei wissenschaftlichen Projekten eben auch. Insofern: Wer behauptet denn, Wissenschaft könne und solle keinen Spaß machen? Aber es gibt auch den Raum jenseits des Lustprinzips. Da sind Ich und Über-Ich gefragt. Realitätsprinzip. 🙂

  • Tony

    Lieber Thomas, lieber Herr Stein, danke für Eure / Ihre Antworten. Ja, das verstehe ich… es gibt da wohl 2 Seiten… wenn ich an meine eigene Diplomarbeit z.B. denke, da gab es auch die Mühen der Ebene. Und ich glaube auch, dass eine Betroffenheit im Sinne von zu tiefer „Verstricktheit“ in ein Thema definitiv nicht gut ist. Aber ich frage mich, ob das Systematisieren am Ende bzw. der Abgleich mit dem Über-Ich in der Ebene (bzw. eben mit den Spielregeln der Wissenschaft) nicht auch irgendwie lustvoll sein könnte. Das müsste dann jedoch irgendwie anders geschehen. Nicht so kreativ / brainstorming-mäßig, sondern es hat was mit der Lust am genauen Arbeiten zu tun. Darüber muss ich nochmal nachdenken.

  • Mary Lou

    Meine lieben Herren,

    es wäre doch schön, wenn Sie bemerken würden, wie viel zu ernst wir oft das Leben und die Wissenschaft nehmen!

    Beim genaueren Lesen des oberen Textes hätten Sie vielleicht auch bemerken können, dass das Wort Lust, nur als ein Wort gewählt wurde für etwas, was man intuitiv spüren kann. Etwas Gespürtes in uns, das nicht beliebig ist, oder dem „Lustprinzip“ unterworfen. Es ist die Möglichkeit an ein ‚mehr an Informationen‘, z.B. zu einer wissenschaftlichen Arbeit zu kommen.

    Es bleibt somit nicht einer Launenhaftigkeit unterworfen, sondern es ist der Hinweis auf ein gefühltes Wissen, was in jedem von uns, zu jedem Thema, zu jeder Fragestellung, steckt. Welches das Interesse an einer Arbeit weckt. Und dieses kann nur subjektiv bezogen sein. Und es wäre sicher gut, wir fänden immer wieder dazu zurück, was unsre Lust, unsere Motivation zu etwas ist. Denn diese trägt doch in der Tat hindurch.

    Und alle angebliche wissenschaftliche Objektivität hat eine subjektive Haltung zu Grunde, die gerne verschwiegen wird. Das ist sehr schade. Denn Objektivität gibt es doch im Grunde nicht. Und oft ist es doch gerade die Motivation, also die Beziehung des Wissenschaftlers zu seinem Werk, die das Werk interessant machen.

    Und auch die Unlust zum Durchhalten eines Projektes sollte ernst genommen werden, denn sie sagt uns vielleicht, dass wir vielleicht mit einer falschen Haltung am „wissenschaftlichen Arbeiten“ sind.

    Genug Schlauheiten einer Individusophin.

  • C. Fockenberg

    Liebe Kommentator_innen,

    da mich dieses Thema momentan sehr betrifft, fühle ich mich gezwungen (in diesem Sinne meine Lust) dazu auch Stellung zu nehmen, wenn auch ich wissenschaftlich und erfahrungsgemäß noch unreifer bin als ihr.
    Man kann wohl nicht bestreiten, dass diese Lust, von der hier geschrieben wird, einen wahrlich behindern kann. Dennoch halte auch ich daran fest, dass diese Lust nur die wahre Erkenntnis hervorbringen kann. Wie kann man sich in ein Thema mit vollem Verstand hineinstürzen wenn man nicht dafür einsteht? Klar, es gibt auch „talentvolle“ Menschen, die super argumentieren können und somit eine gute Arbeit hinlegen. Aber wie wertvoll ist das wirklich? Als ich am Anfang für das Wählen meines Bachelorarbeitsthemas war, sagte mir ein Freund „Such dir doch einfach ein Thema aus, das ganz einfach zu untersuchen und begründen ist. Hauptsache du hast nicht soviel Aufwand und kriegst auch noch ’ne gute Note.“ Aber ich habe sofort dagegen argumentiert und meinte „Ich habe jetzt endlich mal die Gelegenheit mich mit etwas zu befassen, das mich wirklich interessiert, das mir für meinen weiteren Lebens- und Berufsweg essentiell erscheint.“ Und da wären wir bei dem Eigennutzen. Sicherlich ist es riskant sich aufgrund seiner eigenen Interessen, Erfahrungen mit einem Thema derart zu befassen… eben wegen der persönlichen Intention. Aber ist nicht genau dies der Weg zur genaueren Erkenntnis? Warum möchten wir etwas wirklich wissen? Damit wir es für uns selber zukünftig besser machen können. Um unseren eigenen „richtigen“ Weg zu finden. Wie bereits bemerkt, Objektivität ist nie wirklich gegeben. Und warum sollen wir kein subjektives Interesse verfolgen? Der Weg, Anderen zu helfen, gelingt doch nur wenn wir uns erstmal selber helfen. Sicherlich verwahren wir dabei in diese gewisse Verstricktheit. Und Hindernisse sind doch der Weg zur Erkenntnis… das erleben wir doch zu oft in unserer wundervollen Laufbahn. Es gilt, die Lust zu befriedigen. Und ich denke (und hoffe), dass es in der heutigen Gesellschaft nicht mehr so wahrscheinlich vorkommt, dass wir in Depressionen verfallen wenn wir unsere Lust nicht sofort vollends befriedigen, also unserer Erkenntnisgier nicht unbedingt nachkommen. Genug geredet – die Lust ist meiner Meinung nach das Schlüsselloch zu unserem eigenen Innenleben. Und deshalb sollte man ihr in wissenschaftlicher Hinsicht nachgehen, selbst wenn dies Qualen und Risiken mit sich bringt. Den Lebensweg bestmöglich zu beschreiten, bedeutet sich mit seinen eigenen Schwächen auseinanderzusetzen – tun wir dies nicht wenn wir Tony Hofmanns Beispiel folgen?

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