Tagebucheintrag

Leben wir (in) Geschichten?

Universe is not made of atoms. Its made of tiny little stories.
(Visualstatements.net)

Ich möchte ein kleines Gedankenexperiment wagen. Was wäre, wenn dieser Satz, den ich bei den Visual Statements vor einiger Zeit gelesen habe, ein ganz klein wenig wahr wäre? Was wäre, wenn Geschichten der Urgrund allen Seins wären und nicht, so, wie wir glauben, Atome, Raum und Zeit? Nehmen wir also einmal an, die Welt bestünde in ihrer Tiefe wirklich aus Geschichten, die aus dieser Quelle kommen. Was hieße das dann?

Das erste, was mir dazu einfällt, ist dies: Die Atome, die wir in Raum und Zeit positionieren, wären dann selbst lediglich eine der Geschichten, die wir einander erzählen, um uns einen Rahmen zu geben, in dem wir leben können. Diesen Rahmen spannen wir vierdimensional auf und positionieren uns selbst in seiner Mitte. In diesem Rahmen fühlen wir uns sicher. Dennoch würden wir noch immer in Geschichten leben und nicht in einer realen vierdimensionalen Welt, die tatsächlich geometrisch um uns herum existiert. Denn die Geschichtenhaftigkeit würden dann tiefer ins Sein hinabreichen, tiefer jedenfalls, als die erdachte Welt der Raumzeit und der Atome. Die Geschichte von den Atomen wäre nicht falsch, denn sie ist ja (größtenteils) in sich stimmig und sogar mathematisch berechenbar. Aber sie könnte wohl doch relativiert werden.

Das zweite, was mir einfällt, ist dies: Wir könnten nicht nicht in Geschichten leben. Die gesamte Weltgeschichte und die Geschichte des Universums wäre eine große, allumfassende Geschichte, die sich in jeden Augenblick selbst weiterschreibt. Die Bildung der ersten Galaxien wäre eine Episode dieser Geschichte, genauso wie das Erblühen und Sterben der Dinosaurier und wie der Bau des schiefen Turms von Pisa. Wenn das alles so wäre, dann hätten wir Menschen wohl die meiste Zeit über vergessen, wie geschichtlich unser Leben eigentlich ist. Und doch merken wir es, manchmal, in besonderen Momenten. Wenn wir uns verlieben, zum Beispiel. Wenn ein uns nahestehender Mensch stirbt. Wenn wir als Kinder in die Schule kommen oder wenn wir in Rente gehen. Wenn wir ein Haus bauen oder aus einer Wohnung, in der wir lange gelebt haben, ausziehen. Dann schimmert die Bedeutung, der Sinn, den alles hat, hindurch durch das Gewebe der scheinbar gleichmäßig verstreichenden, selbstkonstruierten Zeit.

Und schließlich, das dritte, was mir einfällt, ist dies: Wie arm wäre unser Leben, gäbe es nicht die Geschichten, die wir weben, in die wir verwoben sind und verwoben werden! Geschichten, die wir erzählen und die wir beenden. Geschichten, die sich fortschreiben und die wir wenden, verändern und fortsetzen. Ein solches Leben wäre geprägt lediglich von DIN-Normen und von planbarem Vorgehen. Es wäre eine kalte, vierdimensionale Welt, die uns umgäbe und mit der wir lediglich interagieren können. Es wäre eine Welt ohne eigenen Zauber und ohne eine ihr innewohnende Poesie. Es wäre eine Welt ohne Augenblicksblinken (Hermann Hesse). In solch einer Welt möchte ich nicht leben.

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