Jana Hensel: Zonenkinder

„Doch unsere Helden von damals leben schon lange nicht mehr, und weil unsere Kindheit ein Museum ohne Namen ist, fehlen mir die Worte dafür; weil das Haus keine Adresse hat, weiß ich nicht, welchen Weg ich einschlagen soll, und komme in keiner Kindheit mehr an.“ (24f.)

„Quantität dominierte hierbei eindeutig über Qualität, Pralinenschachteln hatten die Ausmaße von Tischfußballfeldern, mit Keksrollen konnte man gewalttätig werden, und die letzten Lebkuchen würden wir, so viel war sicher, im Sommer am Strand verzehren.“ (48)

„Denke ich an diese Zeit und betrachte Bilder unserer Jugend, wird mir schlecht. Unsicher, etwas verschreckt und immer unpassend gekleidet schauen wir in die Kamera. Unser Blick verrät, dass wir doch eigentlich nur alles richtig machen wollten. Aber es gelang nicht.“ (60)

„Wir griffen unsere Eltern nicht an. […] Wir verteidigten unsere Eltern. Wir wichen nie von ihrer Seite, sondern blieben da bis zum letzten Augenblick, so als gälte es, einem kleinen Bruder beizustehen.“ (77)

„Falls wir aber unsere Wandzeitungen über den Bielefelder Lehrer mit Berufsverbot wieder nicht rechtzeitig fertig stellen sollten, würden wir genau tun, worauf die Imperialisten warteten; dann konnte der Atomschlag schon morgen kommen.“ (88)

Es war für mich immer das höchste Gebot, schon vorher zu wissen, was man von mir verlangte. So konnte ich unerkannt bleiben. Ich wollte weder durch übertriebene Kenntnis im Geschichtsunterricht auffallen, noch kiloweise Altpapier in die Schule schleppen. Das war eigenartig. Niemand hatte bei Klassenfahrten zu viel Westschokolade im Campingbeutel. Wenn ich meine guten Sachen nur zu den Familienfeiern und im Theater, aber nicht in der Schule trug, dann war das in jedem Fall besser, als wenn über mich gesprochen worden wäre. Überhaupt, es sollte kein Gerede entstehen. Nicht auffallen und immer Durchschnitt bleiben.“ (91)

„Das große Buch hieß ‚Vom Sinn unseres Lebens‘. Es fasste unser kurzes Dasein für heute und alle Ewigkeit in fünf Fragen: Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich? Wem nütze ich? Wer braucht mich?“ (94)

„Unsere Welt war kleiner geworden. Das erleichterte uns. Es war schön, sich von nun an nur noch um sich selbst kümmern zu müssen.“ (99)

„Wir wussten von allem zu wenig, bemerkten, wie viel wir nicht verstanden und was wir noch zu lernen hatten.“ (100)

„Die Fragen in unserem neuen Buch vom Sinn des Lebens heißen jetzt: Wer bin ich? Was will ich? Wer nützt mir? Wen brauche ich?“ (107)

„Wir geloben nichts mehr, packen nirgends mehr an und können uns in aller Ruhe um uns selbst kümmern.“ (108)

„Die Deutsche Demokratische Republik war einfach noch nicht verschwinden. Sie hatte mit dem Fall der Mauer nicht, wie viele glaubten, ihren Hut genommen, sie war nicht weggegangen und hatte die Menschen an den nächsten, schon vor der Tür wartenden abgegeben. Sie hatte sich nur verwandelt und war von einer Idee zu einem Raum geworden, einem kontaminierten Raum, in den freiwillig nur der einen Fuß setzte, der mit den Verseuchungen Geld verdienen oder sie studieren wollte. Wir aber sind hier etwachsen geworden. Wir nennen diesen Raum, fast liebevoll, die Zone. Wir wissen, dass unsere Zone von einem Versuch übrig geblieben ist, den wir, ihre Kinder, fast nur aus Erzählungen kennen und der gescheitert sein soll. Es gibt hier heute nur noch sehr wenig, was so aussieht, wie es einst ausgesehen hat. Es gibt nichts, was so ist, wie es sein soll. Doch langsam fühlen wir uns darin wie zu Hause.“ (155)

„Eine ganze Generation entstand im Verschwinden.“ (160)

„In der Schule mimten wir die egozentrischen Künstler, bedrängt von der neuen Zeit, zu Hause die hoffnungsvollen, strebsamen Kinder, die nicht auffielen und keinen Ärger verursachen wollten, denn unsere Eltern hatten mit sich zu tun. Und unter uns waren wir Könige, nur mit Mühe die Depressionen der Pubertät bekämpfend.“ (166)

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