Günter Grass: Mein Jahrhundert

Ein Buch, das für die Jahre von 1900 bis 1999 jeweils eine kleine Geschichte erzählt. Was mich darin bewegt ist vor allem die erste Geschichte. Darin erzählt Grass vom Boxeraufstand in China:

„Auf dem Platz Chienmen wehte ein Wind, welcher von der Wüste kam und immerfort gelbe Staubwolken aufwirbelte. Alles war gelb, auch wir. Das habe ich meiner Verlobten geschrieben und ihr ein wenig Wüstensand in den Brief getan. Weil aber die japanische Scharfrichter den Boxern, die ganz junge Burschen waren wie wir, den Nackenzopf abschnitten, um zu einem sauberen Hieb zu kommen, lagen auf dem Platz oft Häuflein abgeschnittener Chinesenzöpfe im Staub. Einen hab ich mitgenommen und als Andenken nach Hause geschickt. Zurück in der Heimat trug ich ihn dann zur allgemeinen Gaudi beim Fasching, bis meine Verlobte das Mitbringsel verbannt hat: ‚Sowas bringt Spuk ins Haus‘, sagte Resi zwei Tage vor unserer Hochzeit. Aber das ist schon eine andere Geschichte.“

Ein bisschen entsetzlich ist diese Vorstellung schon. Ich dachte beim ersten Lesen: Sowas würde es heute nicht mehr geben. Wir leben heute in einer anderen Zeit, in der alle Menschen gleich geachtet werden, egal, woher sie kommen und welche Hautfarbe sie haben. Als ich später erneut darüber nachdachte, war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich mit diesem Gedanken wirklich Recht habe.

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