Die Zerbrechlichkeit der Normalität

Ich laufe morgens durch die Straßen des Nachbarstädtchens. Bin auf dem Weg zum Optiker, um meine Augen vermessen zu lassen. Mit einer Freundin spiele ich das Spiel (per Whatsapp): Was macht Dein Leben lebenswert? Was ich in diesem Moment denke, ist: Hier durch diese Gassen zu laufen, die sommerliche Luft einatmen, die Sonnenstrahlen auf den Pflastersteinen anschauen. All das macht mein Leben – gerade in diesem Moment – lebenswert.

Dann wird mir bewusst, wie zerbrechlich das alles ist. Wie sehr es darauf beruht, dass wir andere Menschen ausbeuten, die am anderen Ende der Welt leben. Wissen das die alten Leute, die am Morgen hier durch die Straßen laufen? Sie rufen einander „guten Morgen“ zu, wie das halt so ist in einer Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Mir kommt auch ein Mann entgegen, der mir irgendwoher bekannt vorkommt, wir grüßen einander und er schaut irritiert auf meine kurzen Hosen.

Woanders ist Krieg, woanders hungern die Menschen – und hier … hier ist alles normal. Hier geht alles seinen gewohnten Gang, wie immer. Ganz normal halt. Fast unberührt von den Wirren der Welt. Wie verrückt, wie fragil das eigentlich alles ist … und niemand merkt es. Wobei – ich glaube, das stimmt nicht. Jeder merkt es. Auch die alten Leute dieser Kleinstadt, die AFD wählen. Gerade die merken es wohl ganz besonders. Leider wollen sie sich gegen die Fragilität sperren, sehen sie nicht als Chance.

Zerbrechlich sind wir alle, zerbrechlich ist die Welt, in der wir leben. Lasst uns aufeinander aufpassen und auf die Welt und auch auf die Menschen dort drüben, auf der anderen Seite des Erdballs. Lasst uns unsere Zerbrechlichkeit feiern und mit ihr tanzen, so, wie die Sonnenstrahlen auf den Pflasterseinen tanzen. Es gibt ja nur dieses eine Leben, es gibt nur diese eine Welt. Ein anderes Leben, eine andere Welt haben wir nicht. Unsere innerste Zerbrechlichkeit ist unsere größte Ressource. Sie macht das Leben lebenswert.

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