Chaconne für Solo Violine (J.S. Bach)

Manchmal ist es sehr spannend, in Focusing-Haltung klassische Musik zu hören. Dieses Stück wirkt besonders eindrucksvoll auf mich. Teil 1 fühlt sich an, als ob sich in meiner Brust ein Schloss befindet und das Stück steckt den Schlüssel hinein und schließt immer wieder und immer wieder und immer wieder auf. Teil 2 hat sich angefühlt, als ob das Stück direkt mein Herz ergreift und dessen Rhythmus steuert (zwischendurch hat mein Herz ganz schnell geschlagen). Ich konnte diese Verbindung von Musik und Körper ganz pur spüren. Ganz am Ende war es so, als ob das Stück hochsteigt in meinen Kopf und dort … alles durchbläst, so dass mein Kopf frei wird.

Es wäre interessant, das Ganze mal prozessphilosophisch zu durchdenken. Denkt man ein „interaction first“ bezogen auf Mensch und Musik, so wirkt Musik nicht auf den Menschen im Sinne eines Reiz-Reaktions-Schemas, sondern aus der Interaktion Mensch-Musik entfaltet sich das phänomenologische Erlebnis des Stücks. Musik und Körpergestimmtheit sind dann ein erlebtes Ganzes, das nicht in Person und Musik teilbar ist und das im Sinne einer ganzheitlichen Fortsetzungsordnung vorangetragen wird.

 

 

Ein Gedanke zu „Chaconne für Solo Violine (J.S. Bach)

  1. Anke Antworten

    Lieber Tony,
    ich höre Itzhak Perlman Bachs Chaconne spielen, während ich jetzt schreibe – mein Gefühl und meine Vermutung ist, dass es nicht nur eine Interaktion zwischen mir und der Musik ist, sondern eine Interaktion zwischen meinem Herzschlag und dem Herzschlag des Musikers (des Interpreten, oder gar des Komponisten …?) – vielleicht im Sinne der so genannten „zwei-Personen-Biologie“ (interpersonal neuro-biology – IPNB). Diese relativ neue Wissenschaft der zwischenmenschlichen Neurobiologie besagt, dass sich in der (therapeutischen und eigentlich jeder) Interaktion unsere Nerven-
    und Gefäßsysteme zu synchronisieren beginnen. (Michael Shea hat darüber im Interview mit mir gesprochen: http://www.ankezillessen.de/downloads/interview_shea_druckversion.pdf).
    Als Jugendliche – vor 40 Jahren – habe ich besonders die damals aktuelle Aufnahme (damals: Platte) mit Gidon Cremer geliebt – inzwischen gibt es von ihm eine neuere Aufnahme (CD) – und ich habe die Chaconne damals auch gerne selbst auf der Geige gespielt. Du hast mit Deiner Höranregung demnach bei mir eine Erinnerungsflut ausgelöst – Danke :-)!!

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