Herausforderungen unserer Zeit,  Tagebucheintrag

Schwer zu ertragen

Das ZDF hat die alten Otto-Filme in die Mediathek gestellt. Gerade jetzt über Ostern, so haben sich die Programm-Verantwortlichen wohl gedacht, ist es ganz nett, nostalgisch ein bisschen mit den guten alten Zeiten in Kontakt zu kommen. Heile Welt und so, gerade in Zeiten des Krieges in Europa.

Ich hab mal reingeschaut. Teilweise funktioniert das. Herrliche Erinnerung, diese Szene, wo Otto mit der Baronin im Auto sitzt und “Mein kleiner grüner Kaktus” singt. Mir kam wieder in den Sinn, wie ich das damals angeschaut habe, auf Videokassette, so mit 11 oder 12 Jahren. Ich war nach der Schule schon am frühen Nachmittag zu Hause, hab den Fernseher bei diesem Lied ganz laut aufgedreht und mich mega gefreut, und war unglaublich glücklich, so lustig fand ich dieses Lied. Irgendwann später kam mein Opa herunter, der sich gewundert hat. Er hat nachgefragt, ob ich gemerkt habe, dass da irgendwo Musik herkomme. Ganz unschuldig hab ich getan, nein, nein, ich wisse auch nicht, wo die herkam und wovon er da eigentlich spreche.

Dennoch, ich kann es kaum ertragen, diese Filme heute anzuschauen. Es geht nicht nur um das N-Wort, um die Szene, wo “Bimbo” als Sklave vermietet wird. Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Diese Filme strotzen nur so vor patriachalen Stereotypen. Vor allem die meisten dargestellten Frauenfiguren sind Liebchen, die Otto ins Bett bekommen will, die erobert werden müssen. Naiv, ein bisschen dumm. Klar, er macht sich auch darüber lustig in den Filmen, er spielt damit, er überzeichnet. Dennoch ist da keinerlei Distanz spürbar. Keine Ironie. Keine Auflösung. Die Stereotype bleiben bestehen, sie werden durch die Nutzung als Humorwerkzeug hier einfach nur wieder reproduziert.

Ich frage mich, was wir eigentlich als Kinder alles so mitbekommen haben, noch in den 1980er und 1990er Jahren. Damals, als diese Filme neu waren, gab es keinerlei Bewusstheit darüber, was da eigentlich alles schief läuft. Wir waren noch völlig fest verankert in den stereotypen Strukturen, es gab keinerlei reflexive Distanz. Bei mir selbst war dies zumindest so. Gut, man kann das von einem 11jährigen auch nicht erwarten, dass er über Geschlechterstereotype nachdenkt. Damals war ich ja selbst noch beschäftigt und ehrlich gesagt völlig überfordert damit, ein Jugendlicher zu werden.

Dennoch fällt mir jetzt, nach 30 Jahren, extrem auf, wie glatt das damals alles durchging. Da gab es keinerlei Anecken, keinerlei Diskussion, keinerlei kritisches Hinterfragen. Mir zumindest ist das nirgendwo begegnet. Und: Mir fällt zugleich auch auf, wie weit wir heute gekommen sind. Ja, da ist noch ein weiter Weg zu gehen. Und zugleich ist da auch schon viel passiert. 30 Jahre, das ist mehr als eine Generation. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg.

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