Eugene T. Gendlin: Ein Prozess-Modell. (VII-A j Allgemeines – Arten)

Getrennte Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken usw.) sind erst im Symbolischen möglich. Ich kann etwa das Muster des Windgeräuschs spüren oder das visuelle Aussehen des Baums oder den Geruch des Apfels als etwas Eigenständiges wahrnehmen. Ein Muster ist jedoch nicht der Verhaltenskontext selbst, den es bedeutet. Ich kann den Geruch nicht essen. Verhaltenssequenzen sind im Symbolischen pausiert.

Etwas Allgemeines, wie der Geruch des Apfels, ist ein Abstraktum (d.h. unabhängig von Einzelfällen). Gendlin unterscheidet dabei drei Stufen von Allgemeinem:

  1. Vor-Form: „Ausdruck in der Tanzsequenz“. Eine Mustersequenz, die nicht als solches bestehen kann, aber dennoch in verschiedenen Sequenzen funktioniert. Hier ist das Allgemeine nur in ersten Ansätzen vorhanden, es hat sozusagen „noch keine eigene Kraft“. Eine Gebärde bekommt ihre Kraft nur in der Interaktionssequenz mit dem Gegenüber. Beispiel: Ein Balztanz, der von der Sexualität handelt, jedoch nicht selbst sexuelles Verhalten ist.
  2. Zwischen-Form: Etwas Gesehenes, das eigenständig existieren kann (z.B. ein Objekt), ist eine implizite Muster-Sequenz, die sich aus vielen Sequenzen herausstellt. Es hat sich aber auch hier noch nicht voll herausgebildet. Wie ein „Loch genau in der Mitte“ gibt es bereits ein Potenzial für das Allgemeine, bevor das, was aus dem Potenzial entstehen kann, bereits da ist. Das Objekt wird sozusagen von allen Seiten her (d.h. von den pausierten Verhaltenssequenzen her) „gefüttert“, so dass es auf „inverse“ Weise „kommen“ kann. Der Organismus agiert auf dieser Stufe mit Objekten, aber er hat noch nicht „verstanden“, welcher Typ oder welche Art von Objekt das eigentlich ist.
  3. Voll ausgeprägte Form: Ähnlichkeit als solches ist voll da, sie ist expliziert und funktioniert in der Folge auch im Implizieren weiterer Sequenzen mit. Der Organismus hat auf intuitive Weise „verstanden“, dass so eine „Art von Ding“ existiert. Dies kann auch vorsprachlich geschehen, d.h. es geht hier nicht darum, z.B. ein Wort zu finden, das Dinge zu Gruppen klassifiziert. Abstraktion kann hier schon allein in der Art der Verwendung (z.B. von Objekten) verschiedene Arten unterscheiden.

Es gibt dabei immer wieder „Erste Male“. Implizites, das schon im Potenzial vorgeformt ist, aber bisher noch nie sequenziert wurde, ist vom Typ a. Typ b wäre Implizites, das bereits sequenziert wurde und dann ins große Prozesskontinuum eingeht und von da an implizit mit-funktioniert. Wenn wir z.B. das Heulen des Windes hören, dann spürt der Organismus noch den Ursprung des Heul-Geräusches in seiner Ähnlichkeit zum Heulen einer menschlichen Stimme. Es gibt im Prozessdenken keine rein physikalischen Sinnes-Reize (Geräusche, visuelle Reize usw.), sondern der interaktionistische „innere Bezug“ zu den vorgängigen pausierten Verhaltensprozessen bleibt jederzeit bestehen. 

Symbolische Kategorien sind diesem Denken nach nicht vorgängig, wie z.B. bei Platon im Höhlengleichnis. Sie „emergieren“ nur an denjenigen Stellen „heraus“, wo Verhaltenssequenzen pausiert sind, weil diese sich nicht so fortsetzen können, wie sie ursprünglich impliziert waren.

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