Eugene T. Gendlin: Ein Prozess-Modell. (VII-A h Gesehenes und Gehörtes)

Der zentrale Unterschied von mechanischem Denken und Prozessdenken:

Etwas Neues, was einmal geschehen ist, ist von da an vom gesamten Organismus impliziert. Zum Beispiel eine Verhaltenssequenz, die über die bisherigen Körperprozesse hinausgeht und einen neuen Raum konstituiert (nämlich den Verhaltensraum). Der Organismus hat sein Repertoire mit dieser neuen Sequenz erweitert und fängt in jeder neuen Situation quasi wieder „von Null“ an. Er kann Körperprozesse hervorbringen, aber ab sofort auch Verhalten, je nachdem, was situativ „gebraucht“ wird und möglich ist. 

In einem mechanischen Modell wäre es nicht möglich, jederzeit „von Null“ anzufangen und aus dem Ganzen heraus Geschehen hervorzubringen. Denn da herrschen strenge kausale (Ursache-Wirkung) Beziehungen, mit wenn-dann-Verknüpfungen usw.. Im Prozessdenken hingegen „hält“ (bzw. ist ) der Organismus immer das Ganze und geschieht als Ganzes. Dies ist eine grundlegend andere Denkweise.

Wenn das Neue, das nach dem erstmaligen Geschehen impliziert ist, nicht geschehen kann, ergeben sich neue Effekte. In diesem Abschnitt wird zum Beispiel der Fall beschrieben, dass ein symbolischer Tanz, der, nachdem er zum ersten Mal geschehen war, impliziert ist, und nicht geschehen kann. In diesem Fall kann das Implizierte auch von einem Objekt wachgerufen werden, das mit diesem Tanz verwoben ist. Und zwar: Allein von dem Objekt. Die Anwesenheit des Objekts geschieht ins Implizierte hinein und gerade indem dies geschieht, „fallen“ Objekte überhaupt erst als etwas Eigenständiges aus dem gestoppten gestischen Prozess „heraus“. Sie werden also vorangetragen vom Stopp im gestischen Prozess. Zugleich trägt die gestische Sequenz, in der das Objekt partizipiert, auch das Menschsein [Selbstbewusstheit] des Organismus voran. Die Einbindung von Objekten in partnerlose gestische Prozesse macht uns also, so gesehen, genauso wie der symbolische Tanz dies bereits vermochte, zu Menschen.

 

 

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