Eugene T. Gendlin: Ein Prozess-Modell. (VI-A Verhalten und Wahrnehmung; b Wahrnehmung)

Verhalten ist zugleich auch Wahrnehmung. Körper sind, prozessphilosophisch gedacht, umwelthafte Interaktionen, auch erstmal ohne Sinnesorgane. Eine Pflanze zum Beispiel braucht keine Augen oder Ohren – sie befindet sich in direktem prozesshaftem Austausch mit der unmittelbaren Umgebung. Gendlin beschreibt in seinem Verhaltensbegriff den Übergang von der Pflanze zum Tier. Wahrnehmung wird in Kapitel VI a zunächst auf dieser „basalen, fast noch pflanzenähnlichen“ Stufe verstanden. Sie ist ein integraler Bestandteil von Verhalten. Sie ist (erstmal) nicht als Sinneswahrnehmung zu verstehen, und sie ist auch nicht die symbolische Bezeichnung von Objekten mit Worten (vgl. PM, Kap. 7).

Was also ist Wahrnehmung, ganz basal prozesshaft gedacht? Um diese Frage zu beantworten, rekapitulieren wir zunächst noch einmal die vorherigen Gedanken. Der Körper kommt im offenen Zyklus in die Lage, viele verschiedene Umweltaspekte registrieren zu können und auch sich-selbst-in-der-Umwelt. Es etabliert sich hieraus eine neue Art von Prozess-Sequenz: Verhalten als Körperbewegung. Der Körper bleibt in dieser neuen Sequenz beständig mit sich selbst in innigstem Fühl-Kontakt. Fühlen ist das Wiedererkennen dessen, was der Körper aus sich selbst heraus impliziert hat, während es geschieht. Der Körper hat nach dem ersten Entstehen eines offenen Zyklus, den er registriert, „gelernt“, dass er in der Lage ist, eigene Bewegungen hervorzubringen. Die Bewegung des Körpers geschieht fortan in das Implizieren dieser Bewegung hinein. Der Körper hat auf diese Weise ein „inneres Navigationssystem“ entwickelt, an dem er sich selbst orientieren kann, das ihn „blind“ (also erstmal ohne separate Sinnesorgane) leitet. Wahrnehmung ist somit ein „inneres Navigationssystem“, das sich aus dem offenen Zyklus herausbildet. Der offene Zyklus ist eine „Nahtstelle“ zwischen Körperbedürfnissen und umwelthaften Möglichkeiten, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Der offene Zyklus ist immer in Fühlkontakt mit beiden Seiten (Körper und Umwelt). Der Körper „weiß“ oder „ahnt“ im offenen Zyklus, wo „es“ weitergehen könnte. Die Möglichkeit, Körperbewegung hervorzubringen, ist nun ins Gesamtrepertoire des Körpers integriert. Verhalten ist somit intentionale Körperbewegung: Sie erfolgt so, dass die Wahrscheinlichkeit für eine adaptive Fortsetzung von bisher gestoppten (Körper-) Prozessen steigt.

Abgrenzung zum üblichen Wahrnehmungsbegriff der Psychologie:

Wahrnehmung erfolgt in prozesspsychologischem Denken über die gesteigerte „Sensibilität“ des Organismus in offenen Zyklen und nicht im Sinne des Schaffens einer „Abbildung“ von Umgebungsreizen. Die offenen Zyklen geschehen / manifestieren sich in laufenden Interaktionen von selbst „in den Körper hinein“ (und auch in die Umwelt hinein – ein offener Zyklus hat beide Richtungen zugleich). Wahrnehmung ist also kein rezeptiver Vorgang („ein inneres Foto von der Umgebung machen“), sondern ein aktiver inhärenter Bestandteil des Verhaltensprozesses: Der Körper fühlt sich selbst im Tun. Das Entstehen der Verhaltenssequenz ist schon selbst das Fühlen (eben aufgrund der Offenheit des offenen Zyklus). Verhalten, Wahrnehmung und Fühlen sind somit aus Prozesssicht nicht getrennt voneinander denkbar. Ihr inhärenter „Verbindungskern“ ist der offene Zyklus. Der Körper empfindet sich darin selbst, und dieses Empfinden bildet einen lebendigen Hintergrund dafür, was als nächstes getan werden kann. Der Körper ist damit „blind“ – er weiß sozusagen nicht, wo er sich hin bewegt, und dennoch weiß er sehr wohl ganz genau, wo er sich hinbewegt, weil er es von innen her fühlen kann und weil er ohnehin schon von vornherein mit der Umwelt verwoben ist. Er fühlt, wo es etwas gibt, was ihm „gut tun“ könnte, indem sich dort, an diesen Stellen, seine gestoppten Prozesse fortsetzen können („carrying forward“). Dadurch, dass der Körper sich im offenen Zyklus selbst registrieren kann, sind Wahrnehmung und Fühlen die „inneren Wegweiser“ für den voranschreitenden Verhaltensprozess: Sie geben ihm Sinn und Richtung.

2 Gedanken zu „Eugene T. Gendlin: Ein Prozess-Modell. (VI-A Verhalten und Wahrnehmung; b Wahrnehmung)

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